Die elektronische Medienvielfalt hat zugenommen: Berichte auf USB-Sticks oder als Dokumenten-Apps, eingedruckte QR-Codes usw. Damit können Zielgruppen maßgeschneidert bedient werden.

Mediengerechte Lösungen statt Mätzchen

„Den“ Geschäftsbericht, wie wir ihn lange Zeit kannten, gibt es fast nicht mehr.
Die papierlose Berichterstattung scheint sich immer weiter durchzusetzen. Nicht immer zum Guten. Oft benötigt es verschiedene Zugangswege, um an die gewünschten Informationen zu kommen. Da aber die verschiedenen Berichtsteile selten zusammengefasst werden in einem einzigen Dokument, erschwert es uns, auf die Schnelle einen Überblick zu schaffen.

Deswegen sind mediengerechte Ergänzungen wie bei Merck umso wich-tiger. Wobei es nicht nur um eine Auflockerung des Imageteils der Berichte geht. Genauso wichtig sind interaktive Kennzahlen. Gemeint ist: Der Web-User kann Umsatz, Ergebnis, Mitarbeiterzahl usw. zum einen für einen von ihm definierten Zeitraum und zum anderen als Kurve oder Balken aufrufen. Noch wichtiger: Er kann die Kennzahlen im Verhältnis zueinander setzen, d.h. wie haben sich Umsatzerlöse im Verhältnis zum Vorsteuergewinn entwickelt um nur ein Beispiel zu geben für eine Vielzahl von Möglichkeiten. Damit gewinnt der User per Knopfdruck einen Einblick, den er sich beim gedruckten Bericht mühsam hätte erarbeiten müssen.

Man kann es aber auch übertreiben, wie Puma es tut. Der Adidas-Wettbewerber veröffentlichte den Spot „Der schnellste Geschäftsbericht der Welt“. Darin enthalten: im Hintergrund der Rekordsprint von Usain Bolt in 9,58 Sekunden, unterlegt mit willkürlich ausgewählten Bestand-teilen des Puma-Berichts 2017, die dann in etwas langsameren Tempo nochmals durchgespült werden. Erkenntniseffekt gleich null. Fazit: Show statt Substanz.

Viel Wind, aber wenig Bewegung: Auf diesen Nenner lässt sich der Digitalisierungsstand in

Screenshot II: Bayer-Webreport.
Screenshot II: Bayer-Webreport.

Investor Relations bringen. Eine Befragung des Center for Research in Financial Communication erbrachte den fundamentalen Befund: Es mangelt an Strategien. Außerdem an Geld: 78 Prozent der Unternehmen besitzen kein eigenes Digitalisierungsbudget im IR-Bereich und nur 12% haben einen Verantwortlichen für Digitalisierung. Dabei muss gemäß einer EU-Transparenzrichtlinie spätestens im Jahr 2020 der Finanzbericht in einem strukturierten Format wie XBRL (Extensible Business Reporting Language) veröffentlicht werden.

Zu den wenigen Unternehmen, die ihre digitalen Hausaufgaben gemacht haben, zählt Bayer. Seit 2013 setzt der Life-Science-Konzern auf Integriertes Reporting. Der gedruckte Bericht besteht aus 200 Seiten und wird durch eine erweiterte Onlinefassung von insgesamt 350 Seiten er-gänzt. Wichtige Bestandteile wie der Anhang des Konzernabschlusses sind nur online verfügbar. Damit, aber auch durch audiovisuelle Bestandteile wie Videos mit Krebspatienten und ein Statement des CEO, wird die Attraktivität der Digitalversion gesteigert (s. Screenshot II).

Titelfoto: imtmphoto- stock.adobe.com

Über den Autor

Kaevan Gazdar

Kaevan Gazdar war bis Anfang 2017 LeiterReporting der HypoVereinsbank; die von ihm betreuten Geschäftsberichte der Bank wurden sechsmal in Folge im manager magazin Wettbewerb „Der beste Geschäftsbericht“ ausgezeichnet. Er ist Autor des Standardwerks Reporting Nonfinancials

Manfred Piwinger

Manfred Piwinger ist publizistisch und wissenschaftlich tätig. Zuvor war er viele Jahre in Führungspositionen in der Industrie sowie Lehrbeauftragter für Finanz- und Unternehmens kommunikation an der Universität Leipzig. Er ist Mitherausgeber und Autor zahlreicher Standardwerke zur Finanz- und Unternehmens kommuni kation sowie Verfasser von an die 250 Einzelveröffentlichungen.