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Eine ungewöhnliche Allianz hat sich zusammengefunden. Demokraten und Republikaner, ein Entertainer sowie Elon Musk empören sich über eine zeitweilige Handelsaussetzung einzelner Aktien auf der Plattform Robinhood. Was ist passiert?

Über das Forum WallStreetBets des Netzwerks Reddit verabredeten sich Privatanleger, Aktien zu kaufen, die von Hedgefonds leerverkauft worden waren. Bei diesen Leerverkäufen leiht sich beispielsweise ein Hedgefonds Aktien bei einem Dritten und verkauft sie mit dem Ziel, sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zu kaufen und an den Verleiher zurückzugeben. Durch die konzertierten Käufe der Privatanleger schoss der Wert der betroffenen Aktien um mehrere 100% in die Höhe. Um ihre Verluste zu begrenzen, müssen die Hedgefonds in einer solchen Situation die Aktien kaufen oder entsprechende Sicherheiten nachschießen. Der Hedgefonds Melvin Capital beispielsweise kam mit seiner Position in dem Computerspiele-Einzelhändler GameStop so unter Druck, dass er mit 2,75 Mrd. USD von anderen Hedgefonds und Vermögensverwaltern gestützt werden musste.

David gegen Goliath

Es dauerte nicht lange, bis es hieß, David – in diesem Falle die „guten“ Privatanleger – hätte den Kampf gegen Goliath – die „bösen“ Hedgefonds – aufgenommen. Es ist von der „Demokratisierung der Wall Street“ die Rede. Und warum sollten Privatanleger auch nicht gegen Hedgefonds spekulieren dürfen?

Schließlich haben Hedgefonds in der Vergangenheit auch keine Gelegenheit ausgelassen, um Profite einzufahren. Ein genauerer Blick auf die Hintergründe lohnt sich: Denn zum einen sind laut wissenschaftlicher Analysen Leerverkäufe per se nichts Schlechtes. Im Gegenteil, sie führen zu einer schnelleren Bereinigung des Marktes, wie die Beispiele Enron oder MCI WorldCom zeigen.

Heute liegen die Leerverkaufspositionen verglichen mit dem Marktvolumen aber auf einem zwölfjährigen Tiefstand. Denn Leerverkäufe sind teuer und riskant, besonders bei steigenden Märkten. Zum anderen treten mit dem verabredeten Angriff Spekulanten gegen Spekulanten an. Dabei scheint der tatsächliche Wert des Spekulationsobjektes keine Rolle zu spielen, zumindest für die Privatanleger.

Gewinner und Verlierer

Es mag sein, dass bei der Aktion einige Hedgefonds Geld verlieren, Privatanleger allerdings sicherlich auch. Und zwar diejenigen, die später eingestiegen sind und die Aktien in dem Moment halten, wenn die Börse zum Unternehmenswert zurückkehrt – also, wenn die Blase platzt. Die Ironie dabei ist, dass dann die Hedgefonds, die in diesem Moment noch „short“ sind, eine Menge Geld verdienen werden.

Und das sind immer noch viele. Laut dem Analysehaus S3-Partners sind beispielsweise bei GameStop immer noch 50 Millionen Aktien „leerverkauft“ – nicht viel weniger als noch vor einer Woche, als es 70 Millionen Aktien waren.

Folgen für den breiten Markt

Zu befürchten ist, dass die Vorgänge der vergangenen Woche die Marktintegrität beschädigen und in einen Vertrauensverlust münden. Die Kursverluste der wichtigsten Aktienindizes der vergangenen Tage sind außer auf die Coronavirus-Pandemie, die Virusmutationen sowie die Impfverzögerungen sicherlich auch auf die heftigen Kursschwankungen infolge der Spekulationen zurückzuführen.

Denn in Schieflage geratene Hedgefonds müssen auch andere Positionen verkaufen, um Liquidität zu beschaffen, und reihen sich damit zusätzlich in die Verkäufe ein. Die meisten Marktbeobachter gehen wegen der hohen Risiken für die Anleger und des relativ geringen Volumens an Leerverkäufen im Verhältnis zur Marktkapitalisierung aktuell nicht davon aus, dass die auf Reddit aktiven Privatanleger einen nachhaltigen Schaden am Markt verursachen werden.

Allerdings ist der amerikanische Aktienmarkt in den vergangenen zehn Wochen um 18% gestiegen. Vielleicht nehmen manche Investoren die Entwicklung auch zum Anlass, um Gewinne mitzunehmen – dann hätten die Geschehnisse der vergangenen Woche doch einen gewissen Einfluss auf die weitere Aktienmarktentwicklung.

Die Rolle von Robinhood

So oder so, einen Aspekt der ganzen Geschichte finde ich noch bemerkenswert: Die Handelsplattform Robinhood wickelt ihre Geschäfte über einen Hedgefonds ab, der jeweils die Gegenposition zu den Aufträgen der Privatanleger einnimmt, mithin als sogenannter Market Maker erst den Handel über Robinhood möglich macht.

Robinhood muss dabei die Transaktionen bei Clearinghäusern mit Kapital unterlegen. Je höher das Handelsvolumen und je volatiler der Handel, desto höher die Kapitalunterlegung – das ist laut Robinhood-Chef Vladimir Tenev der Grund, aus dem der Handel eingeschränkt wurde.

Die Kapitalerfordernisse hätten die Möglichkeiten der Plattform überstiegen. Investoren und Hedgefonds haben daraufhin Kapital nachgeschossen – und so dafür gesorgt, dass Privatanleger weiter handeln können. Eine Antwort zu finden auf die Frage, wer der Gute und wer der Böse in diesem Börsenkrimi ist, macht das nicht gerade leichter.

Über den Autor: Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. Dieser Beitrag erschien zunächst bei Perspektiven am Morgen.