„Europa hat die Gründer und die Innovationen“

Ein Interview der Plattform Life Sciences mit Dr. Christian Weiss, Managing Partner, heal.capital Management GmbH

Bildnachweis: heal.capital GmbH.

Medizintechnik und Digital Health verschmelzen immer häufiger zu einem gemeinsamen Segment. Das bringt auch neue Investoren zusammen.

 

Plattform Life Sciences: Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf Ihr Portfolio und Ihre Fundraisingaktivitäten aus?

Weiss: COVID-19 hat ganz grundsätzlich aufgezeigt, wie groß der Mangel an digitalen Lösungen und der Einbindung von Technologie im Gesundheitswesen ist. So hatte die Pandemie generell positive Auswirkungen auf die Geschäftsentwicklungen digitaler Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen, insbesondere auf telemedizinische Angebote. Unser Portfoliounternehmen Siilo, das einen Messenger für medizinische Teams anbietet, hat ebenfalls erfahren, wie viel Nachfrage seine Lösung gerade in Krisensituationen erhielt. Wir haben weltweit einen Mentalitätswandel festgestellt und sind deshalb positiv gestimmt, dass sich der Markt weiter wandeln und es insgesamt eine Bewegung hin zu mehr digitaler Diagnostik wie auch digitalen Therapeutika geben wird.

Gleichzeitig haben die Zahlen des letzten Quartals auch verdeutlicht, dass sich wenige Deals aus dem zweiten Vierteljahr in Investments im Folgequartal entwickelt haben. Viele Investoren, insbesondere mit bestehenden Portfolios, haben zu dem Zeitpunkt sicherlich zunächst einmal ihren Ist-Zustand evaluiert. Da wir als noch recht junger Fonds erst zu Beginn dieses Jahres gestartet sind, konnten wir unsere ersten drei Investments genau in dieser Zeit und in Anbetracht des „New Normal“ tätigen.

Das Thema Digital Health hat weltweit Investoren auf den Plan gerufen und wird immer attraktiver, wodurch der Markt auch auf Investorenseite kompetitiver wird. Da wir unseren Fokus als sektor­spezifischer VC ausschließlich im Bereich Healthtech haben, sind wir natürlich sehr nahe dran und sehen, wie viele Start-ups es schaffen, ihr Geschäftsmodell während der Krise anzupassen und sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Aber das gelingt leider nicht allen.

Wir sehen auch, dass sich die gesamtwirtschaftliche Rezession auf frühphasige Start-ups auswirkt. Es wird von Kliniken und Einrichtungen des Gesundheitswesens eher nach kostensenkenden Lösungen gesucht als nach breit angelegten IT-Investitionen, die sich in den nächsten Jahren auszahlen.

Werden wir in den nächsten Quartalen eher mehr oder eher weniger Finanzierungsrunden sehen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Trend klar nach oben gehen wird – insbesondere in der Anzahl der Finanzierungen, aber auch in der Höhe einzelner Investitionen. Insgesamt steht die digitale Gesundheitsbranche ja noch recht am Anfang, COVID-19 hat der Branche sowohl einen starken Push als auch Aufmerksamkeit beschert, und davon wird sie vermutlich langfristig profitieren. Zudem haben viele Investoren ihre Ausgaben in diesem Jahr eher zurückgehalten und werden Investments in den nächsten Quartalen nachholen. Natürlich hängt das auch davon ab, wie die Wirtschaft global aus der Pandemie hervorgeht. Die 2020er-Jahre werden aber sicherlich ein Healthcare-Jahrzehnt. Es gibt viel nachzuholen und durch COVID auch viele offengelegte Baustellen, die es jetzt zu schließen gilt.

Wie verhalten sich die Bewertungen? Wie werden sie sich entwickeln?

Die 2010er-Jahre waren für VC insgesamt ein Jahrzehnt von fast durchgehend steigenden Bewertungen; frühere A-Runden sind jetzt Seed-Runden. Das liegt am vielen Kapital, welches nach passenden Investments sucht. In Europa bezieht sich das aber noch mehr auf die Frühphase, Pre-Seed, Seed und Series A. Bei letzterer und spätestens bei der Series B wird es dann schnell enger mit kontinentaleuropäischem Kapital, insbesondere wenn die Bewertungen dann schon recht hoch sind. COVID hat hier einen leichten Einbruch verursacht. Schauen wir einmal, wie nachhaltig dieser sein wird. Wir empfehlen den Gründern immer langfristig zu denken. Klar, eine hohe Seed- oder Series-A-Bewertung klingt spannend, aber es kommen meist noch zwei, drei Runden, gerade wenn man große Plattformen bauen möchte. Da muss die Equity Story langfristig gedacht werden, insbesondere im Healthcare, wo alles meist länger dauert.

Wie sehen Sie den IPO-Boom im Life-­Sciences-Bereich in den USA? Arbeiten Sie verstärkt mit amerikanischen Investoren zusammen?

Erst einmal sehr positiv. Wenn die Kapitalmärkte Innovationen derart positiv bewerten, fördert dies weiteres Unternehmertum, und genau das brauchen wir im Gesundheitsbereich. Für uns spielt es konkret aktuell keine Rolle; langfristig wäre es aber auch in Europa gut, wenn das IPO wieder eine stärkere Relevanz erhält. Das Wachstum ist ja zu dem Zeitpunkt noch gar nicht beendet, und so ist eine breite Investorenbasis häufig spannend.

Wo sehen Sie die Stärken der Medizintechnik und digitalen Gesundheit in Europa? Sehen Sie eine Chance für den europäischen Kapitalmarkt, an den USA-Boom anzuschließen?

Grundsätzlich liegen die Bereiche Medizintechnik und digitale Gesundheit zwar recht nahe beieinander. Tatsächlich ist das Investitionsumfeld aber ein etwas anderes: Im klassischen Medizintechnikmarkt geht es primär um Hardware und physische Produkte, der digitale Gesundheitsmarkt ist klassischerweise durch digitale Produkte geprägt. In der Medizintechnik ist auch das Investmentklima deutlich anders – es gibt bereits zahlreiche Medtechfonds, die seit Jahren genau in dieser Sparte investieren, während im digitalen Gesundheitsmarkt bisher kaum dedizierte Fonds existieren. Bei heal.capital merken wir in Gesprächen mit Unternehmern immer wieder, dass Kapital für Lösungen an der Schnittstelle Healthcare und Technologie bisher noch fehlt.

Dennoch gibt es auch Überschneidungen, und insgesamt wäre es unser Wunsch, dass Europa es mittelfristig schafft, mit den USA mitzuhalten – und übrigens auch mit anderen Märkten, etwa China. Da Europa mit seinen verschiedenen Gesundheitssystemen stark fragmentiert ist, ist das Thema Skalierbarkeit nicht so einfach zu lösen wie in anderen Bereichen, z.B. dem E-Commerce.

Europa hat die Gründer und die Innovationen. Wir müssen es jetzt schaffen, gerade auch in Verbindung mit Software internationale Champions aufzubauen, die häufig kapitaleffizienter als anderswo unterwegs sind. Ich bin überzeugt: Das nächste Jahrzehnt wird einige solcher Spieler hervorbringen, das Umfeld dafür wird derzeit geschaffen.

Herr Dr. Weiss, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Holger Garbs.

 

ZUM INTERVIEWPARTNER

Dr. Christian Weiss ist Managing Partner beim Berliner Digital-Health-Investor heal.capital Management GmbH.

Über den Autor

Holger Garbs ist seit 2008 als Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform Life Sciences und die Unternehmeredition.