Biotechnologische Produkte machen sich in unserem Alltag breit. Doch manchem geht es nicht schnell genug: Deutschland nimmt im europäischen Vergleich zu langsam Fahrt auf und hinkt deutlich den führenden USA hinterher. Diese Sicht mag in manchen Punkten stimmen, etwa beim Blick auf die börsennotierten Unternehmen. Auch wurde und wird noch heute manches Porzellan zerschlagen, etwa in der Pflanzenbiotechnologie. Doch verstecken brauchen sich die jüngeren Erfolge und die heutigen Akteure nicht. Die GoingPublic Sonderausgabe Biotechnologie beleuchtet einmal mehr erfolgreiche Initiativen und Unternehmen, sie zeigt aber auch Hürden und Hemmnisse auf, und das bereits im 15. Jahr.

Pharmatrends und Mittelstand

Während die Biotechnologie vor einigen Jahren noch am Scheideweg stand, kann sie sich heute deutlich behaupten, wenn man auf den Pharmasektor blickt. Derzeit macht der Anteil der Biopharmazeutika am gesamten Pharmamarkt bereits 19% aus, das sind 5,4 Mrd. EUR vom Netto-Gesamtmarkt in Deutschland mit 28,7 Mrd. EUR nach einer jüngsten Studie des vfa und der Boston Consulting Group. Pharmaunternehmen setzten zur Umschiffung des Patent Cliff zunächst auf biotechnologische Entwicklungen der Spätphasen, um ihre Pipelines kurzfristig zu füllen. Jetzt geraten biologische Wirkstoffe früherer klinischer Phasen in den Blick. Wenig überraschend dabei ist, dass sich auch der in Deutschland gut vertretene Pharmamittelstand langsam aber stetig biotechnischen Errungenschaften gegenüber öffnet. Verbunden damit ist auch die Chance, dass die wirtschaftlichen Erfolge einmal mehr im Lande bleiben, als nur in fremden Großkonzernen internationalisiert zu werden. Parallel dazu beziehen angrenzende Dienstleister und Zulieferer, etwa aus der Informationstechnologie und der Analytik, sowie Anlagenbauer und Logistiker Position. Sie alle erkennen die Chancen.

Neue Moleküle und Kooperationen

Ziel beim Ausbau neuer Kooperationsmodelle ist das Umsetzen des Potenzials völlig neuer – chemisch nicht zu synthetisierender – Molekülklassen zur Therapie. Derzeitige Forschungsschwerpunkte liegen bei Krebserkrankungen und Infektionen. Im Zukunftsfeld der Regenerativen Medizin bilden nicht einzelne Moleküle, sondern ganze Zellen die Grundlage der Behandlung, ein schwieriges, aber lohnendes Feld. Deutschland setzt an vielen Stellen auch auf diesen langfristigen Trend im Gesundheitssektor. Die Stammzelltransplantation konnte bereits Erfolge bei Krankheitsbildern wie Leukämie verbuchen. Das Tissue Engineering ermöglicht hingegen geschädigte Organe zu regenerieren und Heilungsprozesse von Geweben einzuleiten. Aufgrund führender Forschungseinrichtungen könnte Deutsch-land in den kommenden Jahren zur Innovationsspitze in der Regenerativen Medizin gehören.

Nachhaltigkeit durch Biotech

Der Megatrend zu mehr Nachhaltigkeit befeuert ebenso Innovationen. Das neue Programm Nachhaltige Pharmazie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt diese Entwicklung in der pharmazeutischen Industrie zur Verringerung des Einsatzes von Rohstoffen und Energie. Damit nimmt die rote Biotechnologie ein wesentliches Element der industriellen Biotechnologie auf. Während sich das etablierte Kooperationsmodell zwischen Groß und Klein im Pharmasektor weiterentwickelt, müssen sich kleine Enzym-Hersteller und andere Anbieter der Industriellen Biotechnologie erst noch behaupten. Ihre Geschäftsmodelle stehen auf dem Prüfstand. Die chemische Industrie bewertet Biotechnologie immer noch sehr unterschiedlich: Das Spektrum der Ablehnungsgründe dürfte von der Meinung risikoreicher Biotechnologie-Entwicklungen über das „not-invented-here-“Syndrom bis zu Berührungsängsten aufgrund von Nichtwissen reichen. Trotz aller positiven Anstrengungen der vor fünf Jahren ins Leben gerufenen Bioindustrie-Cluster wurde die breite Masse mittelständischer Chemie-Unternehmen mit der Botschaft der Biologisierung der Chemie noch nicht erreicht. Es ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, wie auch die Stärken- und Schwächenanalyse „Roadmap Bioraffinerien“ der Bundesregierung belegt. Mitentscheidend für einen „chemischen Erfolg“ der Biotechnologie werden dabei sicher auch milliardenschere Investitionen in Großanwendungen und ihre Produktion sein.

Enzyme statt Energie

In der Industriellen Biotechnologie gerät zusätzlich die Nutzung von Abfallstoffen und wertschöpfungsarmen Nebenprodukten, die während der Produktion entstehen, zunehmend in den Fokus. Brachliegende Inhaltsstoffe sollen gefunden, modifiziert und genutzt werden. Darüber hinaus sollen durch die Substitution bestehender Prozesse durch biotechnologische diese ressourcenschonender und ökonomischer werden. Und auch scheinbar alte Hüte wie Waschmittelenzyme und Amylasen für Pulp & Paper müssen um neue Facetten erweitert werden. Das volle Potenzial der nützlichen Biokatalysatoren scheint dabei ohnehin noch nicht voll erschlossen. Der Blick auf den Lebensmittelsektor und die mit der Lebensmittelherstellung einhergehende Energieverschwendung könnte jedenfalls Marktpotenziale für kleine oder mittelständische Biotechs bieten, vernetzende Enzyme anstatt energieintensive Prozesse um Geschmack, Textur und Struktur in Lebensmitteln zu erzeugen.

Biologisierung durch Vernetzung

Auf der Makroebene ist die Vernetzung von Akademia, Forschungseinrichtungen und Unternehmen der erste Schritt, um Laborergebnisse schnell an den Markt zu bringen. Dies ist sicher ein Feld in Deutschland, das ausbaufähig ist. Die Anstrengungen der Hochschulen und anwendungsbezogener Forschungseinrichtungen, die den Technologietransfer immer häufiger in ihr Leitbild aufnehmen, fruchten noch nicht überall gleichermaßen. Für alle Bemühungen, die Cluster und Verbände unternehmen, frühe Ideen mit Vertretern der Wirtschaft zu verknüpfen, müssten bereits jetzt mehr Erfolgsgeschichten zu Tage treten, sicher auch in Form von Unternehmensgründungen.

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