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Seit Mittwoch ist es raus: Christine Lagarde wurde von der EZB als direkte Draghi-Nachfolgerin nominiert. Paul Diggle, Senior Economist bei Aberdeen Standard Investments, kommentiert die Nominierung von Lagarde als EZB-Präsidentin.

Der EZB-Präsident musste stets die nationalen Regierungen beschwichtigen, um etwas zu erreichen, und Mario Draghi war darin immer gut. Christine Lagarde ist wahrscheinlich die einzige Kandidatin, die noch geschickter ist als Draghi.

Dass die Wahl auf Lagarde gefallen ist, sagt viel über die Situation aus, in der sich Europa befindet: Man will jemanden mit perfekten staatsmännischen Fähigkeiten für eine geldpolitische Aufgabe ernennen. Das ist nicht unbedingt eine schlechte Sache. Lagarde ist keine formal ausgebildete Ökonomin, verfügt aber über eine enorme Erfahrung. In den eher technischen Aspekten des Jobs wird sie von Chefökonom Philip Lane unterstützt.

Investoren jubeln über ihre Nominierung, weil sie denken, dass so neue Impulse wahrscheinlicher werden. Und es könnte so kommen. Sie ist pro monetären Stimulus und insbesondere pro QE. Der IWF hat auch die von ihr überwachten negativen Zinsen weitgehend unterstützt, obwohl man sich des Risikos einer finanziellen Destabilisierung bewusst war, das übermäßig negative Zinsen auch mit sich bringen.

Die Bewegungen an den Finanzmärkten sind eine allgemeine Reaktion darauf, dass sie als gemäßigt wahrgenommenen wird. Aber ihre Nominierung wird kurzfristig keinen großen Einfluss auf die Politik der EZB haben. Die Rally der europäischen Anleihenmärkte wurde bereits durch die Überzeugung ausgelöst, dass Mario Draghi eine Zinssenkung und QE vorbereitet. Als gemäßigte Kandidatin hat Lagardes Nominierung nur das Feuer angeheizt.

Was die Rallye an den Märkten ignoriert, ist die Herkulesaufgabe, vor der Lagarde steht: Zinssenkungen und mehr QE werden die Aktien- und Anleihemärkte vorerst stützen. Es wird den europäischen Banken eine Gnadenfrist einräumen und den Unternehmen helfen, die Kreditkosten niedrig zu halten.

Das längerfristige Bild ist jedoch eher beunruhigend. Die EZB hat nur sehr wenig Spielraum, die Zinsen sinnvoll zu senken, und es wird nur begrenzte Gewinne aus dem Neustart von QE geben. Was Europa wirklich braucht, ist, dass die Regierungen die fiskalischen Impulse, tiefgreifende Strukturreformen und die weitere europäische Integration fortsetzen. Jeder weiß das, und Mario Draghi selbst hat Jahre damit verbracht, die Botschaft endlos zu wiederholen, größtenteils ohne Erfolg.

Europäische Politiker werden die Botschaft von Mario Draghi gehört haben, sind aber von ihr weitgehend ungerührt geblieben. Die Ironie ist also, dass sie nun eine Kandidatin nominieren, die mit ihren spezifischen Kompetenzen versuchen wird, sie dazu zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, die sie offensichtlich nicht umsetzen wollen. Bonne chance, Madame Lagarde.

Titelfoto: Petrus Bodenstaff-stock.adobe.com

Über den Autor

PaulDiggle

Paul Diggle

Paul Diggle ist Senior Economist bei Aberdeen Standard Investments in Edinburgh.