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Bildnachweis: ©akesin@gmail.com – stock.adobe.com., Deloitte.

Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Coronaauswirkungen befürchten viele Firmen, in die roten Zahlen zu ­rutschen. Als Konsequenz bleibt häufig nur der Notverkauf oder die Insolvenz. Aktuell ist die Anzahl der Insolvenzen noch rückläufig – die im Rahmen einer Deloitte-Studie befragten Experten erwarten hier jedoch eine deutliche Trendumkehr.

Transaktionen in unsicheren Zeiten – so lautet der Titel der neuen Aus­gabe der jährlich erscheinenden ­Studie „Distressed M&A“, welche die Konjunktur- und Branchenentwicklung im ­Distressed-M&A-Markt untersuchte und dafür über 2.000 Experten aus den Bereichen Beratung, Finanzierung (Eigen- und Fremdkapital), Management, Restrukturierung und Insolvenz befragt hat. Die Untersuchung gibt ­einen Überblick über die an den deutschen Distressed-M&A-Markt ­gerichteten Erwartungen der Experten sowie mögliche Trends und Veränderungen.

Die meisten Marktteilnehmer sind derzeit verwundert, dass die COVID-19-Krise bislang nicht zu einem Anstieg der Distressed-M&A-Transaktionen geführt hat. Insolvenz­verwalter berichten von einer „Insolvenzdelle“ anstatt einer „Insolvenzwelle“. Die wesentlichen Gründe hierfür dürften insbesondere das weiterhin äußerst positive Finanzierungsumfeld, die teilweise Aussetzung der Insolvenzantragsgründe sowie die staatlichen Fördermaßnahmen sein. Wie die Mehrheit der Befragten gehen auch wir davon aus, dass die Anzahl der Distressed-Transaktionen in den ­kommenden Monaten ansteigen wird. Wir rechnen aber nicht mit einem rasanten Anstieg im ersten und zweiten Quartal 2021.

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83% der Teilnehmer erwarten infolge der Pandemie deutlich mehr Distressed-M&A-Transaktionen auf dem deutschen Markt, lediglich 7% prognostizieren einen Rückgang. Wenig verwunderlich: 94% der Experten sehen dabei die Pandemie als das Hauptrisiko für die deutsche Wirtschaft – weit vor anderen Risiken wie dem späten E-Umstieg der Automobilindustrie (46%), dem BrExit (29%), Protektionismus (27%) oder drohenden Handelsstreitig­keiten (23%).

Weitere Erkenntnisse der Studie

  • Die Befragten erwarten, dass die Aktivität von Finanzinvestoren und Family Offices deutlich zunehmen wird. Der Anteil, den Private-Equity-Unternehmen unter den Käufern auf dem Distressed-M&A-Markt ausmachen, liegt im laufenden Jahr auf einem historischen Höchststand. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Experten eine stärkere Beteiligung von Family Offices bei Distressed-M&A-Transaktionen sehen.
  • Käufer deutscher Distressed Assets werden, nach Einschätzung der Befragten, überwiegend aus Deutschland, ­Europa und China kommen. Bei der ­Frage nach der Herkunft der Investoren zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen den früheren Erwartungen der Befragten und den tatsächlichen Ist-Zahlen: So kamen chinesische ­Investoren in den vergangenen zwölf Monaten wesentlich seltener zum Zuge, als es von den im Jahr 2019 Befragten für 2020 erwartet worden war.
  • Die Studienteilnehmer erwarten, dass die Automobilindustrie gefolgt von Tourismus und Handel besonders im Fokus von Distressed-M&A-Transaktionen stehen wird. Die Liste der „Krisenbranchen“ hat sich im Vergleich zum Vorjahr, mit Ausnahme der besonders von der COVID-19-Krise betroffenen Branchen Tourismus, Transport und Logistik, nicht wesentlich verändert. Erneut wurden hier am häufigsten die Automobil-, Handels- sowie Textil- und Bekleidungsbranche genannt.
  • Für die Befragten gehören eine umfassende Datenaufbereitung und die schnelle Investorenansprache zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren für Distressed-M&A-Transaktionen. Daneben werden die Branchenexpertise der ­Berater sowie die internationale Investorenansprache als wichtige Aspekte genannt. Letzteres deckt sich mit der Meinung der Befragten, dass ein hoher Anteil der Investoren im Distressed-M&A-Markt aus dem Ausland kommt. Dabei kann sich die Bewertung einzelner Faktoren je nach Hintergrund der Befragten unterscheiden. Für Insolvenz­berater und -verwalter ist eine schnelle Investorenansprache besonders wichtig, die zudem von Geschäftsführern und Private-Equity-Investoren als ein bedeutender Erfolgsfaktor angesehen wird.

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Die Hoffnung vieler Investoren ruht auf ­einem Qualitätsanstieg jener Distressed Assets, die ein gesundes Geschäftsmodell haben und „lediglich“ von der COVID-19-Krise betroffen sind. In der Realität sind jedoch derzeit viele Fälle am Markt, die schon vor COVID-19 mit strategischen und strukturellen Herausforderungen zu kämpfen hatten. Vor diesem Hintergrund ist es möglich, dass nicht alle Distressed Assets einen Käufer finden. Nichtsdestoweniger: Ein gut vorbereiteter Verkaufsprozess kann ein erfolgreicher Neubeginn in der Unternehmenskrise sein.

ZUM AUTOR
Dr. Thomas Sittel ist Partner bei Deloitte.