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Seit dem Ende des neuen Marktes waren Tech-IPOs dünner gesät, vor allem im Internetbereich, wo viele Unternehmen wieder in der Senke verschwanden. Und so ist es kein Wunder, dass die zwei großen Tech-IPOs von Rocket Internet und Zalando stark polarisiert haben. Die einen sahen darin den frohen Vorboten einer neuen Technologie, genauer Internet-IPO-Welle, die anderen vielmehr den Versuch Investoren mit vagen Geschäftsmodellen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wir sprachen mit Unternehmen, Anlegern und Emittenten darüber, was wir vom Tech-IPO-Jahr 2015 erwarten dürfen, wo die Chancen liegen und woran es vielleicht mangelt.

Er kennt beide Welten. Der Vizepräsident von Traxpay pendelt zwischen Mountain View im Silicon Valley und Frankfurt mehrmals im Monat hin und her. Das FinTech-Unternehmen, das im Jahr 2009 gegründet wurde, operiert vor allem von Frankfurt heraus – die meisten Kunden sind europäische Unternehmen. Traxpay bietet direkte Zahlungslösungen zwischen Zulieferer und Kunde an, bei denen die Gelder in Realzeit überwiesen und verfolgt, sowie Daten jeglicher Art mitgesendet werden können. Nicht nur der Gründer kam aus der Deutschen Bank, auch der Lead-Finanzierer der B-Finanzierungsrunde im September, die Commerzbank, sitzt in Frankfurt. In den Räumen des Büros des FinTech-Unternehmens, fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, ist der Boden im Reindustrial-Design schlicht steinern gehalten. An den Glaswänden der Besprechungsräume schauen einem auf überdimensionierten, transparenten Abbildungen die Köpfe von Steve Jobs und Mohammed Ali entgegen.

Techs mögen die Tiefe des Talentpools in Deutschland
Während die USA gerade bei ihren digitalen Start-ups und der Entwicklung von Internetkolossen, wie Google, Amazon und Facebook, führend ist, gilt das für andere Technologie-Bereiche weniger. So berichtet Desharnais im Steve Jobs-Raum, dass in den USA knapp 80% der B2B Transaktionen noch immer mit Checks gehandhabt wird. In Deutschland, wo der Zahlungsverkehr fast völlig über Direktüberweisungen läuft, ist das unvorstellbar. Gerade SEPA sei laut Desharnais ein Beleg für die Offenheit in Europa den Bankenverkehr zu verändern und Zahlungen zu harmonisieren.

Während sich das Unternehmen gut vorstellen kann in Frankfurt an die Börse zu gehen, sind andere junge Technologieunternehmen skeptischer, was den Börsengang betrifft – auch was die Machbarkeit betrifft. Es stellt sich auch die Frage, ob die wirklich rasant wachsenden Tech-Unternehmen schnell auf Eigenkapital angewiesen sind. Traxpay hat selber über die B-Finanzierungsrunde so viel Geld eingesammelt, dass es laut Desharnais, noch mit hoher Wahrscheinlichkeit bis Ende 2015 keine erneute Finanzierungsrunde benötigt. Andere Unternehmen sind schon hochprofitabel und können viel über den Cash Flow finanzieren – auch kommen sie leichter an Kredite heran.

Bei Rocket Internet scheiden sich die Geister
Rocket Internet und Zalando hat vorgemacht, wie große Tech- bzw. Internet-IPOs in Deutschland funktionieren können. Doch die beiden Unternehmen sind vielen Anlegern noch nicht ganz suspekt. Der Fondsmanager und Gründer der Frankfurter Fondsmanagement-Boutique Acatis, Dr. Hendrik Leber, schaut kritisch auf die beiden Internetunternehmen. „Ich halte beide Unternehmen für unseriös. Sie erinnern mich an einige Börseneinführungen der Jahre 1999 und 2000. Es ist keine Kunst, unter Verzicht auf Gewinne schnell zu wachsen, denn wer Geld an seine Kunden verschenkt, ist schnell beliebt,“ sagte er im Interview mit dem GoingPublic Magazin. „Dahinter stecken keine belastbaren Geschäftsmodelle. Wenn der absolute Spitzenkonzern im E-Commerce, nämlich Amazon, nur mit Mühe Gewinne erzielt, dann traue ich einem kleineren Wettbewerber wie Zalando auch keine hohen Gewinne zu.“ Und so sagt der Value-Fondsmanager auch ganz unverblümt: „nicht mit mir – es gibt doch so viele bessere, profitable, schnellwachsende Firmen.“

Wachstum des deutschen Technologie-Marktes
Wachstum des deutschen Technologie-Marktes. Quelle: BITKOM, Deloitte

Auch Value-Starfondsmanager Max Otte, bezieht Position gegen die beiden Unternehmen, sogar noch deutlich als Leber. Er kritisierte nach dem Börsengang der Internetschmiede: „Rocket Internet hat undurchsichtige Geschäftsstrukturen und schreibt horrende Verluste. Im Börsenprospekt steht, dass fast alle Beteiligungsunternehmen noch „bedeutende Verluste“ schreiben.“ „Die elf besten davon, die sogenannten Proven Winners, sogar 442 Mio. EUR im vergangenen Jahr. Und das bei Nettoerlösen von ungefähr 760 Mio. EUR! Es kommt noch härter: Im Prospekt steht, dass sich der Gesamtverlust aller Beteiligungen derzeit nicht verlässlich ermitteln lasse. Und dann sollte Rocket Internet beim Börsengang mehr wert sein als die Lufthansa?,“ fährt er fort. „Zum anderen ist mir das Geschäftsgebaren der Samwers zutiefst unsympathisch.“ Deutlichere Worte kann man wohl nicht finden.
Doch es geht auch anders: Lukas Bennemann, Tech-Spezialist von der Venture-Capital Firma VCDE Venture Partners in Frankfurt, ist von Rocket Internet durchaus überzeugt. Er sieht in den IPOs Zeichen dafür, dass Internetunternehmen wieder eine Chance am Kapitalmarkt haben und große Summen für weiteres Wachstum einwerben können. „Aus meiner Sicht sind beide IPOs trotz schlechter Presse erfolgreich gewesen! Nicht zuletzt auch ein Verdienst von Oli Samwer,“ sagt er.

Gewünscht: Mehr Tech-IPOs

Michael Muders, der einen der renditeträchtigsten Fonds für deutsche Small- und Mid-Caps über einen Zeitraum von fünf Jahren verwaltet, wünscht sich mehr Tech-IPOs. Der Nebenwertespezialist erwartet, dass in Zukunft wieder mehr junge Unternehmen aus dem Internet- oder Technologiebereich den Gang an die Börse wagen –vorausgesetzt, die Marktsituation bleibt weiterhin gut. Schon vor dem IPO hat er sich für Rocket Internet stark gemacht – zurzeit macht die Start-up-Schmiede knapp 5% seines Portfolios aus. Unter Berücksichtigung der Cash-Position und des Werts der Plattform braucht es laut dem Nebenwertespezialisten nur ein oder zwei Unternehmen im Portfolio von Rocket, die erfolgreich sind. „Rocket Internet hält derzeit über einhundert Beteiligungen und bringt jedes Jahr neue Unternehmen in die Märkte. Wenn Sie dann noch die Cash-Position und den Wert der Plattform berücksichtigen, die in Rocket Internet stecken, dann braucht es nur ein oder zwei Unternehmen, die erfolgreich sind, um eine Milliardenbewertung zu erreichen,“ sagte er im Interview mit dem GoingPublic Magazin (S.X).

Für vielversprechend hält er die aus mehreren Unternehmen zusammengesetzte Global Fashion Group, das heißt die Zalando-Klone in Asien, Lateinamerika und der MENA-Region. Dort ist auch das Zalando-Modell in Russland enthalten. „Über die Beteiligungen hat man Zugang zu 5,4 Milliarden Konsumenten und in allen Regionen führende Marktstellungen. Der Home- und Innenausstattungsbereich, wie Home24, ist auch vielversprechend,“ sagt er. Auch das Treffen mit dem Samwer-Brüdern habe ihn was die Managementqualität betrifft überzeugt. Muders ist der Meinung, dass sich Anleger nach den beiden IPOs in Zukunft genauer mit Börsengänge mit Internetgeschäftsmodellen auseinandersetzen würden, was eine gewissen Lernkurve zur Folge hätte.

Deutscher Pessimismus vs kalifornischer Optimismus
Peter Thiel, einer der ganz Großen der US-Technologie-Szene, und Mitgründer von PayPal sowie Erstinvestor in Facebook, macht auch kulturelle Unterschiede zwischen Kalifornien und Deutschland, dafür verantwortlich, dass man hierzulande gegenüber sehr schnell wachsenden Unternehmen äußerst kritisch eingestellt ist. So könne ja irgendetwas mit dem Unternehmen nicht stimmen, wenn es dermaßen schnell wächst. In den USA geht man hingegen davon aus, dass ein Unternehmen, das schnell wächst, in der Konsequenz noch viel schneller wachsen wird – weshalb man es auch soofort viel interessanter findet. „Der kulturelle Unterschied ist, dass man in Kalifornien sehr optimistisch aber verzweifelt und in Deutschland pessimistisch aber gemütlich ist,“ sagte er in einem Vortrag auf dem Convent-Wirtschaftsforum Anfang Dezember in der Paulskirche in Frankfurt.

Diese Gemütlichkeit hält Dr. Andreas Gentner, der bei Deloitte den Bereich Technology&Media, Telecommunications leitet, für durchaus problematisch. „In Deutschland sahen sich einige wenige Jungunternehmer in zehn Jahren Zeit als nächste SAP, aber zum größten Teil vor allem als Mittelständler mit großem Haus und drei bis vier Mal im Jahr Urlaub. Diesen riesigen Hunger und die wahnsinnig großen Ambitionen haben die deutschen und europäischen Gründer häufig nicht – das kann dann auch in Bequemlichkeit umschlagen,“ sagte er im Intrview.

Der Vorsprung des Silicon Valleys beruhe auch darauf, dass es schon seit zehn Jahren Erfolgsgeschichten hervorbringe und so noch mehr Erfolg generiere. Wohingegen Mißerfolg nur zu mehr Pessimismus führe, so wie das auch nach dem Scheitern des Neuen Markt passiert sei, so Thiel. Trotz eines gewissen Hypes hält Thiel viele Zukunftshemen für übertrieben, so zum Beispiel die Trendthemen Big Data, Cloud Computing oder Education-Software. Alles auch Themen, die seit einigen Jahren durch die Medien schwirren, als seien es Zauberwörter, die die Pforte in ein neues Zeitalter öffnen könnten.

What´s next?
Für Gentner von Deloitte ist ganz konkret Scout ein heißer Kandidat für einen Börsengang, weil das Unternehmen eine kritische Größe und ein interessantes Geschäftsmodell besitze, sowie die ersten Wehen des Wachstums überstanden hätte. Ein Börsengang von Media-Saturn könnt er sich auch vorstellen. Der Technologie-Experte sagt, dass die Qualität der Unternehmen im Jahr 2014 die Beste seit langer Zeit sei, was die Dichte und die Wachstumsraten betrifft. „Das macht mir Mut, dass sich der Standort Deutschland, was diese technologieorientierten Geschäftsmodelle betrifft, weiter im Aufstieg befindet. Noch nicht im Stadium des Silicon Valley, aber ganz klar auf dem Weg nach Oben,“ so Gentner.

Ein wichtiger Wachstumsbereich in Deutschland sieht er in modernen Online-Werbemaßnahmen, SEO und Marketing, sowie E-Commere Plattfomen, gerade wenn es um das Schreiben der Algorithmen geht. „Im B-2-B, vor allem aber im B-2-C Bereich gibt es erhebliches Potenzial. Hier sind eine große Konsumentennachfrage und ein großer Markt vorhanden. Ein Trend in diesem Jahr, der aus den USA kommt, sind Geschäftsmodelle rund um Cloud-Lösungen,“ meint er. „Bei Suchmaschinen- und Marketing-Algorithmen hat der Standort Deutschland mit seiner starken naturwissenschaftlichen Ausrichtung einen gewissen Vorteil. Auch Googles und Amazons Erfolgsgeheimnis beruht ja darauf: Leistungsfähige, auf den individuellen Nutzer ausgerichtete Algorithmen.“ Ein Trend, der in diesem Jahr auch ganz klar in den USA zu erkennen war, soll im kommenden Jahr auch verstärkt den deutschen Internetmarkt bestimmen: Mobile Anwendungen, vor allem im E-Commerce und Cloud-Bereich, so Gentner. Bennemann von VCDE Venture Partners hält das Internet of Things und Industrie 4.0 für die spannendsten Tech-Themen: „In einem stark industriell geprägten Land wie Deutschland liegt eine „digital-industrielle Revolution“ doch fast auf der Hand und kann den bestehenden Weltmarktführern die Chance geben, ihre Stellung zu halten oder auch auszubauen.“

Fazit
Wir dürfen gespannt sein. Denn 2015 wird in Deutschland für Technologieunternehmen, Tech-Investoren und –Analysten, sowie Konsumenten und Unternehmen, die diese Technologien nutzen, ein extrem spannendes Jahr. Spannend weil das Wachstum, zusammengefasst in den Bereichen Internet, Mobile, E-Commerce, E-Payment und Cloud so hoch sein wird wie vielleicht noch nie zuvor und weil die Innovationen hier immer schneller getacktet stattfinden. Aber auch weil die Anleger, die sich schon längst spezialisiert haben und die großen institutionellen Investoren, die sich erst jetzt gründlicher mit diesen Themen befassen, schon auf den nächsten Börsengang warten.

Den IPOs von SML Solutions, Rocket Internet und Zalando sei gedankt: Sie sind Wegbereiter für weitere Technologie- und Internet-IPOs und haben vorbildlich gezeigt, wie man Gelder hierzulande auch mit den großen Zukunftsthemen einsammeln kann. Dabei wird es weniger eine Rolle spielen, ob Industrie 4.0, die Digitalisierung oder ein neues Start-up Segment als hochgehaltene Vorzeigeobjekte in der geplanten oder angedachten Form schnell umgesetzt oder überhaupt kommen werden, wie man sich das in Berlin oder bei einigen technologisch gut positionierten Unternehmen vorstellt. Denn eins ist sicher: Die Technologieunternehmen, die schnell Konsumenten und Unternehmen erreichen, international expandieren und anderweitig skalieren, sowie zügiges Umsatzwachstum mit positiven Erträgen generieren können, werden es auch hierzulande schaffen –ab einer kritischen Größe und mit der richtigen Equity-Story auch am heimischen Kapitalmarkt. Das nächste IPO wird kommen, eher früher als später.

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal im GoingPublic Magazin 1/2 Ende Dezember.

 

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