Werbung

 Welche Rolle werden klassische Finanzintermediäre wie Banken künftig spielen im digitalen, automatisierten Zeitalter? Werden sie durch Blockchain & Co. irgendwann überflüssig werden?

"Die derzeitigen Strukturen, wie wir sie im Finanzbereich kennen, werden sich gravierend verändern", ist sich Veronika Kütt sicher.
„Die derzeitigen Strukturen, wie wir sie im Finanzbereich kennen, werden sich gravierend verändern“, ist sich Veronika Kütt sicher.

Kütt: Die derzeitigen Strukturen, wie wir sie im Finanzbereich kennen, werden sich gravierend verändern. Jedoch werden sich die Finanzintermediäre nicht komplett auflösen. Durch die Entwicklung von Kryptowährungen haben wir aber ein neues Werkzeug gewonnen, das die bestehenden Strukturen grundlegend disruptieren wird – das übersteigt aber derzeit noch unsere Vorstellungskraft. Vor 20 Jahren konnte sich noch keiner vorstellen, dass wir über Social-Media-Plattformen wie z.B. Instagram Informationen austauschen können. Die aktuellen Strukturen, die derzeit den Kapitalmarkt beherrschen, sind meiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß. Deshalb wird sich da in den nächsten Jahren enorm viel wandeln, und das in einer rasanten Geschwindigkeit.

Bach: Da stimme ich Ihnen 100%ig zu. Der Technologietrend Peer-to-Peer-Netzwerke in Verbindung mit der Blockchain-Technologie wird langfristig dazu führen, dass die Banken sich zumindest teilweise dezentralisiert aufstellen werden. Technologisch ist eine solche Entwicklung durchaus machbar. Schwieriger sieht die regulatorische Frage aus: Hier herrscht aktuell eine gewisse Unsicherheit. Wie lange die regulatorische Ausgestaltung noch dauern wird, kann demnach keiner vorhersagen. Trotz allem denke ich, dass die alte und die neue Welt noch lange Zeit nebeneinander existieren werden – so wie das Internet, der Fernseher und das Telefon auch immer noch jeweils eine gleichwertige Daseinsberechtigung haben.

Als renommierter Jurist mit Digital Know-how hat Dr. Tobias Riethmüller (links) Einblick in viele Token Offerings.
Als renommierter Jurist mit Digital Know-how hat Dr. Tobias Riethmüller (links) Einblick in viele Token Offerings.

May: Wir sehen derzeit eine bedeutende Entwicklung, und zwar die vom zentralen ins dezentrale Ökosystem. Ich glaube aber nicht, dass die klassischen Banken oder Börsen komplett verschwinden werden. Wahrscheinlich werden sich beide Ökosysteme irgendwo in der Mitte treffen. Etablierte Banken müssen aber trotzdem ihr Geschäftsmodell langfristig überdenken, um am Markt mithalten zu können.

Frantzen: Für etablierte Banken und klassische Intermediäre kann die fortschreitende Digitalisierung auch eine Art Push-Faktor sein, der die Innovation vorantreibt. Demnach muss es nicht zwangsläufig sein, dass diese klassischen Intermediäre auf der Strecke bleiben, die Digitalisierung sollte eher als Chance gesehen werden. Ein wichtiger Punkt ist auch der Aspekt des Datenschutzes. Hier müssen noch viel stärkere Sicherheitssysteme greifen, damit die neuen digitalen Systeme für den Endnutzer eine Vertrauensbasis schaffen.

Eine visionäre Frage zum Schluss: Wie könnte der Finanzplatz 2039 aussehen? Wird es überhaupt noch Banken oder echtes Geld geben – oder nur noch Kryptowährungen und Blockchain?

Dr. Riethmüller: Es wird immer Dinge geben, die sich nicht verändern werden – auch 2039 noch. So wird es mit Sicherheit auch in Zukunft noch die Unterscheidung zwischen Fremdkapital und Eigenkapital geben, oder Transparenzstandards. Jedoch wird sich die Art und Weise, wie Finanzgeschäfte abgewickelt werden, grundlegend ändern. Die Digitalisierung wird die Effizienz steigern und im Ergebnis eine bessere Ressourcenallokation ermöglichen. Durch die neuen prospektrechtlichen Regelungen, die mit der EU-Kapitalmarktunion eingeführt werden, und die Möglichkeit zur Wertpapierabwicklung auf der Blockchain werden bereits in naher Zukunft hohe Transaktionskosten eingespart werden können. Dadurch wird es möglich, in Zukunft sehr viele Finanztransaktionen in vielen Bereichen in „maßgeschneiderter“ Form als Kapitalmarktemission abzubilden. Das ist ein echter Game Changer.

Duttlinger: Es werden sicherlich viele Vermögensgegenstände digitalisiert. Zudem denke ich, dass komplett neue Finanzprodukte und -konstrukte entstehen werden, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können. So wie wir uns vor zwanzig Jahren noch nicht vorstellen konnten, ein Smartphone zu besitzen. Banken wird es mit Sicherheit noch geben, aber vermutlich in einer ganz anderen Form und mit anderen Assets als heute.