Wo wir beim Stichwort Digitalisierung sind: Wie hoch schätzen Sie die Bedeutung von Digitalisierung im deutschen Mittelstand und in der Finanzbranche ein?

Dr. Thabe: Meiner Meinung nach ist der deutsche Mittelstand in Sachen Digitalisierung schon um einiges weiter als die Finanzbranche. Besonders weil  Industrie 4.0 schon relativ lange ein Thema in der mittelständischen Unternehmenskultur ist und sich diese somit schon eine Weile mit der Thematik beschäftigen mussten. Die meisten KMU haben einen guten digitalen Datenbestand auf ihrer Produktionsseite. Wo es allerdings noch Aufholbedarf gibt: im Finanzierungsbereich. Hier findet vieles tatsächlich noch analog statt, wie z.B. der klassische Gang zur Hausbank, um einen Kredit zu beantragen. Wir sind aber überzeugt, dass auch der Finanzsektor immer digitaler wird und sich in den nächsten Jahren einiges beschleunigen wird in der Hinsicht. Diesen Trend wollen wir mitbestimmen.

Thabe und Brügmann können nach mehr als einem halben Jahr Börsennotiz eine insgesamt positive Bilanz ziehen.
Thabe und Brügmann können nach mehr als einem halben Jahr Börsennotiz eine insgesamt positive Bilanz ziehen.

Wieso herrscht denn ausgerechnet in der Finanzbranche noch so viel Nachholbedarf beim Thema Digitalisierung?

Dr. Thabe: Die Finanzbranche ist ein reguliertes Business per se.  Wegen der Finanzkrise vor rund zehn Jahren ist der Sektor dann noch stärker reguliert worden, wodurch sich gewisse digitale Prozesse eben auch langsamer entwickelt haben, da der Fokus auf andere Themen gelegt wurde. Jedoch sieht man auch, dass sich hier zuletzt einiges getan hat.

Brügmann: Zudem darf man auch nicht vergessen, dass wir jahrzehntelang eine Zinskurve hatten, die es den Banken erlaubte, viel Geld zu verdienen. Deshalb war der Fokus vieler Banken nicht so sehr darauf gerichtet, auf Digitalisierung zu setzen. In Zeiten, in denen es aber schwieriger wird, gewisse Erträge zu erzielen, ist der Druck größer, auf neue, innovative Geschäftsmodelle zu fokussieren.

Provokant gefragt: Werden denn Finanzintermediäre, wie z.B. Banken oder die Börse, im digitalen Zeitalter irgendwann überflüssig?

Dr. Thabe: Ich bin überzeugt davon, dass dies nicht der Fall sein wird. An digitalen Plattformen wie unserer wird deutlich, dass dies nur durch Kooperationen mit Banken funktioniert. Wir denken somit auch, dass der Schwerpunkt künftig auf dem kooperativen Modell zwischen klassischen Intermediären und jungen, innovativen Fintechs liegen wird. Natürlich glaube ich aber auch, dass sich das Bankgeschäft in den nächsten Jahren noch mal grundlegend wandeln wird. Besonders wenn der nächste Generationswechsel eintritt, wird hier noch mal einiges passieren.

Brügmann: Hier ist wieder das Stichwort Regulierung ein wichtiger Punkt. Regulierung ist gut und wichtig – die Finanzbranche kann nicht ohne sie auskommen. Um diese aber stemmen zu können, braucht es ein skalierbares Geschäftsmodell. Man benötigt also genau dafür die Big Player, die auch in der Lage sind, die Regulierungsanforderungen zu meistern. Deshalb sind Plattformen umso wichtiger, in denen sowohl große Marktteilnehmer als auch kleinere technologieaffine Unternehmen Hand in Hand gehen und sich gegenseitig ergänzen und unterstützen, z.B. bei Regulierungsangelegenheiten.

Herr Dr. Thabe, Herr Brügmann, vielen Dank für das spannende Gespräch.

 

 

Über den Autor

Svenja Liebig ist Redaktionsleitern Kapitalmarktmedien bei der GoingPublic Media AG. Ihre Schwerpunktbereiche liegen bei Themen rund um IPOs, Investor Relations, Unternehmensfinanzierung und den Kapitalmärkten in Österreich und der Schweiz.