Derzeit steht die Deutsche Bank aufgrund der potenziellen Fusionspläne mit der Commerzbank im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Dessen ungeachtet haben wir mit Marcus Stein u.a. über die Bedeutung der Mittelstandsfinanzierung innerhalb der Deutschen Bank sowie die Chancen und Herausforderungen gesprochen, denen sich Mittelständler derzeit stellen müssen.

GoingPublic: Herr Stein, die Deutsche Bank hat ihre Mittelstandsabteilung in den vergangenen zwei Jahren enorm ausgebaut. Wieso ist dieser Bereich so wichtig für Sie?

Stein: Der Mittelstand ist eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft. Ihn zu unterstützen steckt in unseren Genen, dafür wurde die Bank vor bald 150 Jahren gegründet. Historisch gesehen sind wir mit dem Mittelstand groß geworden. Er war schon immer wichtig für uns, und seit zwei Jahren fokussieren wir uns noch stärker auf mittelständische Unternehmen – gerade auch im Beratungsgeschäft. Wir haben eine eigenständige Einheit geschaffen, die dem Mittelstand alle Corporate-Finance-Produkte anbietet. Unsere Kunden erwarten von der Deutschen Bank, dass wir ihnen weltweit bei komplexen und strategischen Fragen zur Seite zu stehen. Wir können dabei für unsere Kunden nahezu alle Angebote maßschneidern.

Welche Strategie verfolgen Sie dabei?

Wir wollen unsere Kunden und ihre Situation insgesamt verstehen. Dann analysieren wir gemeinsam und entwickeln mit unserem Team individuelle Lösungen. Es können dabei die unterschiedlichsten Produktlösungen für die spezifische Situation zum Einsatz kommen: von komplexen Finanzierungen auf der Fremd- oder Eigenkapitalseite und Kooperationen mit strategischen oder Finanzpartnern über Unternehmensnachfolgen bis hin zum Kapitalmarktzugang. Jeder Fall ist anders.

 Sind denn geopolitische Unsicherheiten wie z.B. der Brexit – der aktuell für viel Unsicherheit am Markt sorgt – oder der Handelskrieg zwischen den USA, China und Europa von Relevanz für deutsche Mittelständler?

Natürlich sind das relevante Themen für unsere Kunden, auch aus dem Mittelstand. Wichtig ist uns der direkte Dialog mit dem Kunden, um ihm dabei zu helfen, sein Unternehmen richtig darauf einzustellen. Gerade in Zeiten hoher Unsicherheit ist es oft ratsam, sich auch in der Finanzierung flexibel aufzustellen. Dabei hilft es natürlich, wenn man als Bank auf Erfahrung mit verschiedensten Finanzierungsalternativen und -instrumenten zurückgreifen kann. Sei es der Brexit mit seinen unklaren Folgen oder Veränderungen durch die Digitalisierung: Für Unternehmen ist es ein großer Vorteil, auf solche Einflüsse flexibel reagieren zu können, um Wettbewerbsvorteile langfristig zu sichern. Gemeinsam erarbeiten wir mit unseren Kunden den besten Weg für deren Bedürfnisse und schauen, wie sie auf komplexe Rahmenbedingungen reagieren können.

In Deutschland ist die Kapitalmarktkultur naturgemäß nicht so ausgeprägt wie in den angelsächsischen Regionen. Wird hierzulande nach der IPO-Welle im vergangenen Jahr Eigenkapital inzwischen stärker nachgefragt?

Wir beobachten, dass das Thema Eigenkapitalfinanzierung für unsere Kunden eine Rolle spielt. Der Gang an die Börse, also das IPO, ist aber kein Selbstzweck. Eine Börsennotierung sollte Zugang zu einer langfristigen Finanzierungsquelle schaffen. Dafür muss die Positionierung des Unternehmens im Kapitalmarkt passen und gleichzeitig mit den Bedürfnissen der Investoren und zukünftigen Aktionären in Einklang gebracht werden. Als mittelständischer Unternehmer sollte ich mir daher die Frage stellen: Habe ich genügend Alleinstellungsmerkmale und Visibilität, dass ich für die Investoren auch auf lange Sicht attraktiv bin? Denn nur dann kann ich genug Liquidität auf meine Aktie ziehen. Wachstumsunternehmen aus dem E-Commerce-, Software-, IT-Bereich oder auch der Biotechnologie wachsen – mit zum Teil neuen Geschäftsmodellen – dagegen oft mit viel höherem Tempo. Das kann die Basis für eine attraktive Bewertung sein. Solche Unternehmen sind dann in der Lage, mehr Investoreninteresse zu wecken als „klassische“ Mittelständler, beispielsweise aus der verarbeitenden Industrie. IPOs sind für Mittelständler also nicht immer sinnvoll. Für viele Unternehmen bieten sich aber unter Umständen auch Partner an, die außerhalb der Börse Eigenkapital zur Verfügung stellen. In den vergangenen Jahren hat sich ein aktiver Markt mit sehr professionellen und speziell auf den Mittelstand zugeschnittenen Investoren entwickelt, die sich direkt an Unternehmen beteiligen und als Partner anbieten. Solche Private-Equity-Funds und große Family Offices können in unterschiedlichsten Unternehmensphasen helfen, bei denen es um die schnelle Skalierung des Geschäftes geht, eine Internationalisierung oder auch die Ausweitung des angestammten Geschäftes durch den Aufbau neuer Produkte.

Wie wichtig ist das Thema Digitalisierung für den Mittelstand, besonders hinsichtlich Trendthemen wie z.B. Blockchain oder KI?

Digitalisierung ist ein komplexer Themenbereich. Letztlich muss sich jede Branche und jedes Unternehmen, egal welcher Größe, mit Digitalisierung und Innovationen auseinandersetzen. Als Unternehmen sollte man sich zuallererst die Frage stellen, ob das entsprechende Geschäftsmodell langfristig überhaupt wettbewerbsfähig ist und ob man den rasanten Änderungen schnell genug gerecht werden kann. Was heute noch ein Wettbewerbsvorteil ist, kann morgen schon ein Wachstumshindernis darstellen. Dabei wird auch das Thema künstliche Intelligenz perspektivisch eine immer wichtigere Rolle spielen. Mit unseren Sektorexperten stehen wir als Bank unseren Kunden dabei zur Seite und versuchen, aktuelle Trends frühzeitig zu erkennen und Chancen und Risiken für den Kunden abzuwägen. Solche aktuellen Trends sind wesentlicher Bestandteil unserer Beratung und fließen in maßgeschneiderten Lösungsansätzen ein.

Um beim Stichwort Digitalisierung zu bleiben: Sind denn Themen wie Security Token Offerings (kurz: STOs) für Ihre Mittelstandskunden relevant?

Als innovative Bank schauen wir auf aktuelle Entwicklungen und hinterfragen, wie wir uns dazu aufstellen. Wie in den vergangenen Jahren, in denen sich immer wieder neue Finanzierungsangebote und Marktteilnehmer etabliert haben, werden wir auch in Zukunft ähnliche Entwicklungen beobachten. Sobald es einen ausgeprägten rechtlichen Rahmen beispielsweise für ICOs gibt, kann das Thema interessant für Unternehmen und Banken werden – insbesondere wenn die Nachfrage nach solchen Lösungen steigt.

Wo steht denn der deutsche Mittelstand im internationalen Vergleich? Ist „Made in Germany“ immer noch ein weltweites Gütesiegel oder ist die Konkurrenz, z.B. aus China, mittlerweile auf dem Vormarsch?
Deutsche Unternehmen sind weiterhin weltweit gefragt. Für viele sind insbesondere die deutschen Hidden Champions nach wie vor die Schnellboote auf dem Markt. Diesen Wettbewerbsvorteil haben sich die Unternehmen kontinuierlich erarbeitet und müssen ihn durch ständiges Hinterfragen ihrer Strategie langfristig erhalten. Dabei gibt es viele Herausforderungen, denen sich deutsche Mittelständler stellen. Das gilt für die Digitalisierung genauso wie für die technologische Entwicklungen in allen Sektoren, in denen unsere Kunden unterwegs sind. Schauen Sie nur auf die schnell zunehmende Zahl von Patentregistrierungen im asiatischen Raum. Dort dürften wir in Zukunft mit einer ganz anderen Marktdynamik rechnen. Jedem Unternehmen sei geraten, aufmerksam nach links und rechts zu schauen und diese globalen Entwicklungen genau zu beobachten. Das ist enorm wichtig – denn ausruhen kann sich in den heutigen Zeiten niemand. Mit unserem Know-how und unserer globalen Reichweite können wir Unternehmen auch da beratend zur Seite stehen.

Herr Stein, ich bedanke mich für das Gespräch.

Das Interview führten Svenja Liebig und Tim Veigel.

Marcus Stein ist seit Februar 2018 verantwortlich für die Themen „Eigenkapitallösungen“ und „Betreuung Finanzinvestoren“ im Bereich Corporate Finance für den Mittelstand der Deutschen Bank. Nach seinem Abschluss als Diplom-Kaufmann an der Universität Osnabrück kam Stein 1996 zur Deutschen Bank, wo er verschiedene Positionen im Investmentbanking mit Fokus auf das Kapitalmarktgeschäft (ECM und M&A) innehatte.

Dieser Artikel erschien zuerst in der April-Ausgabe des GoingPublic Magazins.

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