Deutsche Aktienkultur – kommt die Trendwende?

Deutschland ist bekannt als das Land risikoscheuer Anleger. Erfreulicherweise stellt nun das Fondshaus Legg Mason in seiner aktuellen Studie „Global Investment Survey 2018“ eine Trendwende fest, in der deutsche Anleger sich verstärkt den Chancen am Aktienmarkt öffnen. Von Prof. Dr. Klaus Fleischer

Nach den Recherchen auf Basis einer Befragung von 1.000 deutschen Anlegern hat sich der Anteil der Aktienquote in den Portfolios der Deutschen innerhalb der letzten zwei Jahre mehr als verdoppelt und stieg von 10% auf aktuell über 25%. Gleichfalls erhöhte sich die Zahl der Aktionäre laut Auskunft des Deutschen Aktieninstituts auf über 1,1 Mio.

Hiesige Aktienkultur (noch) unterentwickelt

Trotz des Turnarounds kann noch keine Entwarnung gegeben werden. Traditionelle Vorbehalte und Defizite sind nicht ausgeräumt und sollten möglichst rasch durch neue, innovative Ansätze behoben werden.

Die deutsche Aktienkultur bleibt nach wie vor im Vergleich zu führenden Wirtschaftsnationen wie der Schweiz, England, Schweden und den USA stark unterentwickelt. Die Gründe sind hinlänglich bekannt: Fehlende optimale Rahmenbedingungen, zu geringer ökonomischer Bildungsstand, steuerliche Diskriminierung und mangelnde staatliche Fördermaßnahmen mit Ziel eines langfristigen Vermögensaufbaus für breite Bevölkerungsschichten, aber auch die Intransparenz und Ineffizienz der Märkte und des Beratungssektors sind zu beklagen.

Der Handlungsbedarf wird durch das nun schon im zehnten Jahr bestehende Niedrigzinsumfeld erhöht. Die deutschen Anleger gehen trotz substanzgefährdender Negativzinsen weiter ihrer verhängnisvollen Vorliebe für Nominal- und Spargeldanlagen nach – sie sind wenig zu einem Wandel und einer Anpassung in ihrem Anlageverhalten bereit.

Angst vor Veränderungen

Dies belegt auch gerade die aktuelle Studie des Flossbach von Storch Research Institute in

Prof. (em.) Dr. Klaus Fleischer ist Professor für Finanz- und Bankwirtschaft an der Hochschule München.
Prof. (em.) Dr. Klaus Fleischer ist Professor für Finanz- und Bankwirtschaft an der Hochschule München.

Zusammenarbeit mit der GfK: Demnach bevorzugen knapp 60% der Deutschen weiter niedrigverzinsliche Anlageformen, die unter Berücksichtigung der Inflation häufig keine oder sogar negative Renditen abwerfen. Der deutsche Anleger vertraut offensichtlich immer noch überwiegend auf das gewohnte Gefühl der Sicherheit, demzufolge bis vor zehn Jahren Spareinlagen und festverzinsliche Papiere auskömmliche, zumindest positive Renditen – nach Abzug der Inflationsrate – garantierten.

Das Sicherheitsgefühl dominiert offensichtlich unangefochten bis zur Schmerzgrenze Kapitalvernichtung – obwohl beispielsweise derzeit ein Investment in DAX-Werte eine durchschnittliche Rendite von deutlich mehr als 3% abwirft. Dies würde die Erwartungshaltung der Anleger mit einer jährlichen Rendite von über 2% übertreffen, einschließlich einer Kompensation der derzeit hohen Inflation.

Doch die verlockende Gelegenheit wird weitgehend ausgeschlagen. Vielmehr werden hohe Cashbestände von bis zu einem Viertel Gesamtanlageportfolio in Wartestellung geparkt. Die Verweigerungshaltung führt in Zahlen ausgedrückt zu Netto-Zinseinbußen im laufenden Jahr in Höhe von knapp 45 Mrd. EUR – mit steigender Tendenz, da in den kommenden Jahren mit einem Zuwachs der Anlagebeträge zu rechnen ist.

Finanzbildung als Schlüssel

Diese Verhaltensmentalität lässt sich nur mit weiterhin bestehenden großen Vorurteilen gegenüber dem vermeintlichen Risikopapier Aktie kombiniert mit unzureichendem Wissen über grundlegende Zusammenhänge der Finanzwelt erklären. Um eine Verbesserung der Finanzbildung bemühen sich Banken, Fondsanbieter, Börsen und Interessenverbände mittels verschiedener Aktivitäten, die deutschen Direktbanken beispielsweise mit der „Aktion pro Aktie“. Wünschenswert wäre eine gemeinsame Aufklärungs- und Informationsoffensive im Schulterschluss mit Institutionen der öffentlichen Hand.

Initiativen wie geförderte Riester-Aktiensparpläne, die Einführung des neuen Börsensegments Scale durch die Deutsche Börse, die Förderung von Belegschaftsaktien konnten bislang das negative Image, die Nachwehen des Zusammenbruchs des Neuen Marktes und das Telekom-Trauma nicht wirklich überwinden. Auch bleiben innovative Reformvorschläge auf der Strecke. Bedauerlich ist beispielsweise, dass die angedachte Schaffung eines deutschen Vermögens-/Staatsfonds nach skandinavischem Erfolgsmodell, der für breite Anlegerschichten großes Vertrauen mit niedrigen Gebühren und einfachem Handling vereinen könnte, politisch nicht weiterverfolgt wird.

Mehr politischer Wille gewünscht

Auch von politischer Seite sollte die Aktienkultur endlich gefördert werden.
Auch von politischer Seite sollte die Aktienkultur endlich gefördert werden.

Auch konnten administrative Erleichterungen in der Anlageberatung für Start-ups und IPOs nicht durchgesetzt werden. Mit Inkrafttreten von MiFID II ist das Gegenteil der Fall und Banken ziehen sich entsprechend den hohen zusätzlichen Anforderungen aus dem Beratungsgeschäft zurück.

Auch die Schaffung eines leistungsstarken, übergreifenden neuen Börsensegments für junge schnell wachsende Unternehmen als Nachfolgemodell des Neuen Marktes wurde nicht weiterverfolgt.

Politik und Märkte sind dennoch gefordert, sich dem Anleger-Null-Summen-Spiel einschließlich derzeitiger Kapitalvernichtung wirksam entgegenzustemmen.

Deutschland braucht eine grundlegende staatliche Kurskorrektur, speziell in der Vermögenspolitik. Gefragt ist eine Neuauflage steuerlich geförderter Sparpläne in Verbindung mit der Konzeption neuer, verständlicher und kostengünstiger Anlageprodukte.

Politische Kehrtwende?

Erfreulicherweise zielten der Vorstoß des CDU-Politikers Friedrich Merz Ende letzten Jahres und die damit verbundene neu entfachte Diskussion in diese Richtung ab. Mit Blick auf Absicherung der Renten und allgemeiner Vermögensbildung sollen künftig Arbeitnehmer stärker an die Kapitalmärkte herangeführt werden. Erreicht werden soll dies mit neuen steuerlichen Anreizen, die für den speziellen Fall eine Doppelbesteuerung aussetzen.

Die Realisierung wäre ein erster Schritt, die steuerliche Diskriminierung von Aktienanlagen partiell zu mindern. Bedauerlicherweise erfolgt nahezu zum gleichen Zeitpunkt eine Kehrtwende mit der Neuauflage einer europäischen Transaktionssteuer. Demnach sollen nach dem deutsch-französischen Vorschlag Transaktionen von im Inland emittierten Aktien besteuert werden, deren Marktkapitalisierung bei mehr als 1 Mrd. EUR liegt. Die fließenden Steuereinnahmen könnten als Beitrag zu einem Eurozonenbudget verwendet werden. Als Anreiz sollen die Einnahmen der Länder, die sich an einer Einführung beteiligen, mit ihren Beiträgen zum EU-Haushalt verrechnen lassen. Die angestrebte Quersubventionierung des EU-Haushalts und der beteiligten Mitgliedsländer stellt – abgesehen von einem schwer überschaubaren, kostspieligen bürokratischen Aufwand und neuen Baustellen – eine weitere Diskriminierung der Aktie dar, zumal Anlageprodukte wie Derivate, Anleihen inklusive Staatsanleihen keiner Sonderbesteuerung unterliegen sollen. Auffällig ist, dass nur von Anreizen für die Fiskalpolitik der EU-Mitgliedstaaten die Rede ist, nicht aber von Anreizen für die Bürger. Mit der Verteuerung des Aktienerwerbs tritt das Gegenteil ein, und die Einführung der vorgeschlagenen Finanztransaktionssteuer dürfte zu weiteren Wettbewerbsverzerrungen führen.

Ausblick

Der Großen Koalition und den Märkten gelang es bisher nicht, zielführende Maßnahmen zu einer nachhaltigen Stärkung der deutschen Aktienkultur auf den Weg zu bringen. Große Hoffnung ist in die durch Merz in Gang gesetzte neue Diskussions mit Blick auf den Vermögensaufbau der Arbeitnehmer zu setzen. Diese erfolgversprechende Initiative sollte als Basis für eine generelle Neuorientierung der Aktienanlage herangezogen werden.

Zum Autor

Prof. (em.) Dr. Klaus Fleischer ist Professor für Finanz- und Bankwirtschaft an der Hochschule München. Seine Kompetenzfelder umfassen u.a. die aktuellen Veränderungen im Asset- und Vermögensmanagement. Er ist Initiator der jährlich stattfinden SCE-FinTech-Meetups und Of Counsel bei Baker Tilly.

Der Artikel erschien zuerst in der Dezember-Ausgabe 2018 des GoingPublic Magazins

 

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