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Bildnachweis: Börse München.

Die Erste Group Bank ist auch 2020 wieder eine der wichtigsten Adressen am österreichischen Kapitalmarkt – egal ob Kapitalerhöhung, Übernahme oder Mitarbeiterbeteiligungsmodell. Aber wie steht es eigentlich mal um mehr Börsengänge in Wien? Das GoingPublic Magazin sprach mit Günther Artner von der Erste Group

GoingPublic: Herr Artner, es fällt schon auf, dass der ATX, also das Abbild der wichtigsten 20 österreichischen Unternehmen, speziell im Vergleich zu seinen europäischen Pendants hinterherhinkt. Woran liegt’s?
Artner:
Ich sehe hierfür drei Gründe: Erstens die klassische Erklärung, nämlich die Sektorzusammensetzung des ATX im Vergleich zu vielen anderen Indizes. Weiters finden sich in Wien viele Small- und Mid Caps – auch im ATX. Diese hinken den Large Caps noch hinterher. Und schließlich ist in Summe die aktive Teilnahme österreichischer Anleger am Kapitalmarkt gering. Hier wäre bei steuerlichen Anreizen, z.B. einer steuerbegünstigten Pensionsvorsorge oder einer Beseitigung des KESt-Nachteils für Aktien, bei Privaten viel mehr möglich.

Bei der S IMMO, später noch bei der IMMOFINANZ, gab es unlängst 10%ige Kapitalerhöhungen. In Österreich war eine solche Transaktion bisher unüblich. Was waren die Herausforderungen?
Da es in Österreich im Unterschied zu Deutschland keine konkrete gesetzliche Regelung zur 10%-Kapitalerhöhung mit Bezugsrechtsausschluss gab, war die wesentliche Herausforderung hier, Referenztransaktionen mit Hinweis auf die Marktpraxis in Deutschland durchzuführen. Dazu mussten Vorgespräche mit Firmenbuchrichtern geführt werden. Zukünftig kann in ähnlichen Transaktionen nun auf diese beiden verwiesen werden, womit sich ein Marktstandard etablieren kann. Die Platzierung selbst war dann verhältnismäßig einfach.

Bei der Übernahme der OSRAM, der größten Akquisition in Österreich, waren Sie wiederum maßgeblich involviert – sicherlich auch keine Transaktion ‚von der Stange‘, oder?
Sowohl die Übernahme selbst als auch die zahlreichen Aspekte der Bridge-Finanzierung und dann in weiterer Folge die Refinanzierungen des Bridge waren sehr komplex, aber auch extrem spannend. Wir konnten dabei als einzige österreichische Bank in der Transaktion die Entstehung eines europäischen Technologieführers unterstützen. Die von den Banken garantierte Kapitalerhöhung im März 2020 am vorläufigen Höhepunkt der Coronakrise in Europa wird mir wohl lange in Erinnerung bleiben.

Ebenfalls nennenswert ist sicherlich die Handelsaussetzung beim Börsenneuling von 2019, der Marinomed Biotech, transaktionsbedingt. Warum war diese erforderlich bzw. ist das üblich?
Marinomed ist ein tolles Unternehmen, aber die Aktie ist leider noch recht illiquid. Eine klassische Aktienplatzierung rein am Abend ist daher nicht ganz einfach, da oft längere Investorengespräche vor einem Investment notwendig sind. Daher haben wir den in Österreich neuen Weg einer Handelsaussetzung über den ganzen Nachmittag hinweg beschritten. Das Investorenfeedback auf diese Variante war durchgehend positiv. Zum Glück gab es hier von allen Seiten, also der Wiener Börse, FMA und Marinomed selbst, Unterstützung zu dieser Vorgehensweise, die wir auch in anderen Ländern schon hin und wieder gesehen haben.

Frequentis, ebenfalls Börsenneuzugang in Österreich von 2019, hat mittlerweile ein interessantes Mitarbeiterbeteiligungsmodell aufgelegt. Gab es dabei gleichfalls besondere Herausforderungen?

Wir haben zum ersten Mal ein solches Modell mit einem Unternehmen unabhängig von einer Transaktion umgesetzt. Früher gab es diese Beteiligungsmodelle v.a. im Zuge eines IPOs. Da ein IPO als Prozess ja aber aufwendig genug ist, ist es durchaus sinnvoll, diese Prozesse zu trennen. Aufgrund der in Österreich recht attraktiven steuerlichen Förderung solch direkter Beteiligungsmodelle können diese Modelle auch in regelmäßigen Abständen immer wieder durchgeführt werden. Die trotz Coronakrise sehr hohe Annahmequote unter den Mitarbeitern war ein schöner Erfolg für Frequentis.

Richten wir den Blick aber ruhig auch nach vorne: Was denken Sie, wie es mit Sicht auf 2021 weitergeht?
Aufgrund der Vielzahl an fiskalischen und monetären Unterstützungsmaßnahmen bin ich für die weitere Börsenentwicklung zuversichtlich. Die günstigen Bewertungen werden über kurz oder lang Investoren anziehen. ECM-seitig werden wir wohl weitere Kapitalerhöhungen sehen, entweder zur Rekapitalisierung oder zur Nutzung von M&A-Möglichkeiten.

Was müsste geschehen, um mehr IPOs an der Wiener Börse zu sehen?
Wenn wir ähnliche Regelungen betreffend steuerbegünstigte Pensionsvorsorgedepots wie in Schweden hätten, könnte man viele neue Privatanleger für Aktien an der Wiener Börse begeistern. Dann würde die Liquidität an der Börse zunehmen und auch kleinere IPOs wären in Wien platzierbar. Derzeit ist bei der Nachfrage von Privatanlegern zur Diskussion um IPO-Überlegungen noch deutlich Luft nach oben. Auch eine Wiedereinführung der KESt-Befreiung von Kursgewinnen nach einer Minimum-Halteperiode wäre hier sehr hilfreich.

Wo bzw. wie noch sehen Sie dann generell Potenzial für die Wiener Börse?
Es wäre toll, wenn nach Marinomed noch mehr Unternehmen aus der Healthcare- und Biotechszene den Gang an die Wiener Börse antreten würden. Hier gibt es in Österreich viele spannende Unternehmen mit tollen Forschungserfolgen.

Günther Artner ist seit 2015 Leiter des Equity- und seit 2017 des Corporate Capital Markets in der Erste Group. Davor war er lange in verschiedenen

Günther Artner

leitenden Funktionen im Aktienresearch der Erste Group tätig.

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