Kaum ein Thema ist so in aller Munde wie Umweltschutz, E-Mobilität und Sauber-Stromquellen, wie z.B. Photovoltaik. Wir sprachen erneut mit E3/DC-Geschäftsführer Dr. Andreas Piepenbrink über Halb- und Vollgas bei der Elektromobilität sowie revolutionäre Veränderungen bei Verkehr und Wohnen – denn einmal mehr hat sich in den vergangenen zwölf Monaten viel getan.

GoingPublic: Herr Piepenbrink, fangen wir locker an: Wie läuft das Geschäft?
Dr. Andreas Piepenbrink, CEO E3/DC.
Dr. Andreas Piepenbrink, CEO E3/DC.

Piepenbrink: In Zentraleuropa ist der Fotovoltaik- und damit auch der PV-Speichermarkt sehr deutlich gewachsen. Wir sehen jährliche Wachstumsraten von mehr als 10%, im Gewerbebereich teilweise 50% und höher. In Deutschland liegt die Anzahl der neu installierten PV-Anlagen 2019 fast schon wieder bei 100.000, die der Speicher bei geschätzt über 50.000. Bei der Elektromobilität rollt’s ja ebenfalls langsam an.

Im vergangenen Jahr zitierten wir Sie mit „Das Thema E-Mobilität läuft hierzulande allenfalls auf Halbgas“ – sind Sie inzwischen etwas zuversichtlicher?

Im Prinzip hat sich an meiner Einschätzung nicht viel verändert: Der Endkunde kann weiterhin ein Elektroauto weder vorteilhaft kaufen noch flächendeckend laden. Volkswagen hat immerhin seine Plattformstrategie angepasst. Tesla gibt zwar, um im Bild zu bleiben, etwas mehr Gas als alle anderen, aber von einem Unternehmen wie Tesla kann die Welt ja nicht leben – dafür bringen sie einfach nicht genügend Autos aus der Werkhalle. Und für den normalen Geldbeutel sind Teslas auch kein gutes Beispiel.

Im letztjährigen Gespräch meinten Sie, dass unsere deutschen Hersteller früher oder später überholen, wohl auch Tesla. Wie beurteilen Sie die jüngsten Entwicklungen und Initiativen?

Die rein elektrischen Neuzulassungen liegen hierzulande weiterhin bei unter 2%, Hybride nicht mitgerechnet. Volkswagen will mit seiner ID-Plattform Fakten schaffen, und immerhin: Die Wolfsburger haben wenigstens einen Plan. Tesla kann man über die Ladeinfrastruktur angreifen, z.B. mit Zehntausenden Schnellladesäulen aus dem Werk in Hannover, die das Stromnetz nicht belasten – im Gegensatz zu Tesla. Schmiermittel für VW ist einfach der Volumenabsatz, also die schieren Stückzahlen. Tesla war und ist Wegbereiter für Elektroautos, aber ich bin davon überzeugt, dass Volkswagen früher oder später die Nummer eins sein wird.

Waren Sie in einem unserer Gespräche nicht mal von BMW angetan?

Bitte? – Auf keinen Fall. Über Daimler müssen wir bei diesem Thema schon gar nicht sprechen. Bei beiden fehlt es an Plattformen für Elektroautos. Stattdessen versuchen sie, teure Verbrennerplattformen auch für E-Autos zu verwenden. Das funktioniert halt nicht, auch wenn der MINI wieder ein Spezialfall ist. Bei beiden OEMs sieht man auch den Willen überhaupt nicht. Den Ground-up-Aufbau des mittlerweile zehn Jahre alten Kohlefaser-Leichtbau-BMW i3 hat Volkswagen mit der ID-Plattform deutlich Richtung „Tesla-Karosse“ verbessert – und nach dem Dieselskandal muss VW ohnehin gefühlt etwas mehr Ambition zeigen als alle anderen. Als Volumenhersteller sind die Wolfsburger besser als alle in der Lage, auch im Einstiegssegment etwas zu bieten. Vielleicht machen sie bei der Ladeinfrastruktur eine zusätzliche Schleife, dafür ist das Endergebnis fundamental richtiger. Und die Lösung muss weltweit passen.

 Für wie gefährlich halten Sie einen Donald Trump für die Welt?

Vielleicht machen es sich viele mit Trump zu leicht. Für die weltweite Klimadiskussion ist Trump natürlich der Showstopper Nummer eins – er erfüllt halt Wahlversprechen und hat u.a. die USA zum wieder zweitgrößten Ölproduzenten der Welt gemacht. Trump ist demokratisch gewählt und so gesehen das Produkt der Wähler in den USA, wo sich die Mittelschicht vernachlässigt fühlt. Ich denke, wir werden so etwas in Europa auch noch zu sehen bekommen.

Ich war im ersten Halbjahr zweimal in den USA, zwei ganz verschiedene Städte. Dort habe ich weder ein Windrad bemerkt noch Solarzellen – nirgends. Symptomatisch?

Zwischen Deutschland und den USA gibt es hier große Unterschiede: Die USA sind flächenmäßig und wirtschaftlich riesig – daher werden sie auch der größte Markt für Stromspeicher. Gerade die USA haben bekanntlich schwache Stromnetze. Da eignen sich Stromspeicher ideal, um Lastverschiebungen zu puffern. Hierzulande gibt es diese Notwendigkeit so nicht. In den USA werden Stromspeicher nicht als umweltfreundliches Produkt wahrgenommen, sondern als nützliches Element für die eigene Netzzuverlässigkeit.

Und wie kommt das E-Auto dabei in den Kreislauf?

Wenn das Elektroauto mit Strom aus einer PV-Anlage und wie erwähnt außerhalb des normalen Netzes geladen werden kann, hat man zumindest in ländlichen Gebieten einen klimaverträglichen nebenkostenfreien Ansatz. Das wäre schon mal äußerst lobenswert. Man muss sich auch in Erinnerung rufen, dass die Fotovoltaik – und natürlich deutsche PV-Technologie – vor allem außerhalb Deutschlands erfolgreich ist, mehr als bei uns selbst. In einigen Ländern Europas ist der Siegeszug der PV-Speicher nicht aufzuhalten.

Treibt die Automobilindustrie weiterhin das Wachstum bei Speicherlösungen?

Absolut – wir haben  einen geradezu dramatischen Anstieg der Speicherkapazitäten, auch von einem Jahr zum nächsten. Als E3/DC verzeichnen wir aktuell 40% Absatz- und 70% Auftragseingangswachstum. Dieses Jahr machen wir 65 Mio. EUR Umsatz und haben den selbsternannten Marktführer sonnen[1] in Zentraleuropa de facto überholt. Unser neuer Eigentümer[2], die Hager Group, hat 2018 ein tolles Investment getätigt. Für Daniel Hager freue ich mich. Vorher waren wir so etwas wie ein lokaler Held, den man dann und wann bereits wahrgenommen hat. Mit der Hager Group haben wir jetzt auch den richtigen Zugang zum Elektrohandwerk und zum Verkauf der Anlagen.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Wir beide werden noch miterleben, wie sich Elektroautos durchsetzen – trotz des eingangs erwähnten aktuellen Fahrens mit Halbgas. Selbst wenn der Marktanteil nur 10% bis 15% beträgt, werden Sie deutsche Städte kaum wiedererkennen. Dazu gehören Ladestationen, innerstädtisch natürlich Elektrobusse, E-Roller, Fahrverbote für Verbrennungsmotoren und vieles andere mehr. Last but not least kommen wir auch früher oder später um eine CO2-Steuer nicht herum. Das wird weitere Auswirkungen auf die Wohnungswirtschaft, die Gebäudetechnik, Haus- und Elektrotechnik wie auch die Verkehrswende haben. Und das ist nicht etwas, das wir uns hier in Deutschland ausdenken, sondern ein internationaler Wunsch. Noch muss man hier und dort mit der Lupe hinschauen, aber angesichts der jährlichen Wachstumsraten ist der Trend doch ganz klar.

GoingPublic: Herr Piepenbrink, einmal ganz herzlichen Dank für Ihre gewohnt erfrischenden Einblicke!

Das Interview führte Falko Bozicevic und ist eine Vorab-Veröffentlichung der August-Ausgabe des GoingPublic Magazins (ET: 3. August).

[1] sonnen GmbH, Wildpoldsried

[2] Die deutsche Hager Group, Blieskastel, übernahm E3/DC mit Wirkung zum Jahreswechsel 2017/18 von Vorbesitzer EWE AG. Der Anbieter von Lösungen und Dienstleistungen für elektrotechnische Installationen in Wohn-, Industrie- und Gewerbeimmobilien erzielt weltweit knapp 2 Mrd. EUR Umsatz im Jahr.

 

Über den Autor

Svenja Liebig ist Redakteurin des GoingPublic Magazins sowie verantwortlich für goingpublic.de