Dass der Gestaltungsspielraum von Conference Calls ein systematisches Wertschaffungspotenzial bieten kann, zeigt eine wissenschaftliche Studie der Georg-August-Universität Göttingen. Für Investor-Relations-(IR-)Abteilungen sind diese Ergebnisse eine Chance, sich noch stärker als wertschaffende Funktion im Unternehmen zu positionieren. Von Dr. Sebastian Firk, Dr. Jan C. Hennig und Prof. Dr. Michael Wolff

Die Bedeutung von Earnings Conference Calls am Kapitalmarkt hat über die letzten zwei Jahrzehnte massiv zugenommen. Das zeigt sich zum einen daran, dass gelistete Unternehmen kaum noch auf die quartalsweise Interaktion mit Analysten verzichten, und zum anderen an den teilweise heftigen Kursrutschen infolge von Kommunikationsfehlern in Conference Calls. Diese Sensitivität der Investoren verbunden mit dem hohen Maß an Gestaltungsspielraum der Conference Calls sorgt sowohl im Management als auch in den IR-Abteilungen häufig für Verunsicherungen. Die starken Kapitalmarktreaktionen zeigen jedoch auch, dass der Gestaltungsspielraum bei zielgerichteter Anwendung ein enormes Potenzial für die Erreichung der Ziele dieser Abteilungen (z.B.: Reduzierung von Kapitalkosten, geringere Aktienkursvolatilität) bietet. Es stellt sich also die Frage: Wie kann das Potenzial der Gestaltung von Conference Calls systematisch ausgeschöpft werden?

Das Wertschaffungspotenzial einer balancierten Informationszusammenstellung

Ein Beispiel für das Potenzial des Gestaltungsspielraums liefert eine empirische Analyse von Conference Calls der Jahre 2004 bis 2013 der Georg-August-Universität Göttingen. Grundidee der empirischen Analyse ist die Übertragung des Konzepts einer balancierten Informationszusammenstellung der Harvard-Wissenschaftler Kaplan und Norton auf die Gestaltung von Conference Calls. Ihr Konzept soll Entscheidungsträgern eine ganzheitliche Perspektive auf die aktuelle Situation eines Unternehmens bieten. Diese Ganzheitlichkeit soll erreicht werden, indem eine balancierte Informationsgrundlage aus den vier Bereichen Finanzen, Kunden, interne Prozesse sowie Wachstum und Potenziale aufbereitet und zur Verfügung gestellt wird. Conference Calls mit einer solchen balancierten Informationszusammenstellung könnten Analysten daher ein ganzheitlicheres Bild des Unternehmens vermitteln.

Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot ganzheitlicher Informationen in Conference Calls
Abb. 1:Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot ganzheitlicher
Informationen in Conference Calls

Um diese Annahme zu überprüfen, setzt die wissenschaftliche Studie auf die Verwendung von Algorithmen zur Textanalyse, die es ermöglichen, zum einen die vier einzelnen Informationsbereiche in den Conference Calls zu erfassen und zum anderen die Balance zwischen diesen Informationsbereichen mittels entsprechender KPIs zu messen. Dass Analysten in der Tat ganzheitlichere Information für ihre Prognosen benötigen und eine balanciertere Informationszusammenstellung von Unternehmen dabei helfen kann, bestätigt eine erste Analyse von über 15.000 Conference Calls. So zeigen die Ergebnisse, (1) dass die Nachfrage des Kapitalmarkts nach einer ganzheitlichen Informationsgrundlage nur unzureichend bedient wird und (2) dass eine balanciertere Informationszusammenstellung dieses Ungleichgewicht stark reduzieren kann (vgl. Abb. 1).