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In einem Bärenmarkt möchte niemand investiert sein – doch aktuell gibt es eigentlich keine Anzeichen für ein Ende der Hausse

Der graue November bringt im Jahr 2019 nicht nur längere Nächte, sondern auch eine sehr gute Aktienmarktentwicklung mit sich. Dennoch existieren vermeintlich gute Gründe, jetzt nicht investiert zu sein: Märkte sind zu lange und zu weit gelaufen, eine grundsätzlich unsichere Weltwirtschaft, industrielle Rezession, Autobauer schwächeln, Brexit oder Handelsstreit. All diese „Gründe“ sind subjektive Eindrücke – die Suche nach Gefahren ist tief im Menschen verwurzelt – schließlich hat er den darwinistischen Überlebenskampf auch deshalb gewonnen, weil er tendenziell Gefahren gemieden hat. Ein derartiges, intuitives Verhalten hilft jedoch in der Geldanlage nicht weiter. Natürlich gilt es, Gefahren in Form eines fundamentalen Bärenmarkts zu vermeiden. Meist jedoch sind es die guten Jahre, die im langfristigen Bild im Leben eines Aktionärs überwiegen. So auch in diesen Tagen, in denen sich die Stimmen häufen, die vor möglichen Crash-Szenarien warnen. Was zunächst verschreckend und verstörend wirkt, ist eigentlich ein gutes Zeichen. Denn die Weltwirtschaft wächst im Hintergrund der miesen Stimmungstendenzen munter weiter, Handelsbarrieren lösen sich völlig unbeachtet auf und viele Anleger – gerade in Deutschland – sitzen weiterhin auf ihren Geldbergen, ohne zu bemerken, dass sie einem realen Kaufkraftverlust unterliegen. Zum aktuellen Zeitpunkt existieren viele Entwicklungen, die uns positiv stimmen. Vier sehr spezielle Gründe möchten wir heute gerne teilen.

Inflation explodiert in beginnenden Bärenmärkten!

Ein übliches Symptom eines bereits begonnenen Bärenmarkts ist ein unerwarteter Sprung der Inflation. Hierbei rückt die Angebotsseite in das Blickfeld. Springt die Inflation überraschend an, zeigt dies, dass Angebotseinschränkungen angestiegen sind, ohne dass dies von den Märkten ausreichend eingepreist ist. Firmen produzieren weniger und können weniger Dienstleistungen bei Kunden unterbringen als von Marktbeobachtern erwartet. Messbar ist eine solche Entwicklung durch den so genannten Citi US Inflation Surprise Index. Dieser befindet sich weit im negativen Bereich – von gefährlichen, inflationären Schocks ist man in der aktuellen Phase weit entfernt. Im Gegenteil: Die Weltwirtschaft funktioniert stabil – die Stimmung hingegen preist eine schwache Entwicklung ein.

In Bärenmärkten verschlechtert sich das Kreditumfeld

Ein weiteres Symptom, welches auf ein schlechtes fundamentales Umfeld schließen lässt, ist ein schwaches Kreditumfeld. Wenn Banken keine Gewinne mit Krediten machen können, weil die Nettozinsmargen sich stark verringert haben, vergeben sie keine neuen Kredite. Dies würgt mit einem zeitlichen Verzug das fundamentale Wachstum ab. Obwohl die Diskussionen um eine inverse Zinsstrukturkurve in den USA in diesem Jahr für erhebliches Aufsehen gesorgt haben, ist das Kreditumfeld weiterhin gesund. Messbar über Umfragen unter den Kreditinstituten, die so genannten SLOOS-Umfragen, zeigt sich aktuell sowohl für kleine als auch für mittlere und große Firmen das Umfeld einer funktionierenden Kreditvergabe. Insbesondere die Tatsache, dass es keinen Wettbewerb um Bankeinlagen gibt, da Banken auf erheblichen Geldbeträgen sitzen und somit der Zinsspread sich ausweitet, schafft Motivation für Banken, Kredite zu vergeben. Immer munter weiter – auch dies wird wenig beachtet!

Stillstand

Wir glauben daran, dass Politik einen starken Einfluss auf die Märkte hat. Wenn extreme legislative Veränderungen wahrscheinlich sind, scheuen sich Wirtschaftsteilnehmer zu investieren. Es entstehen Gewinner und Verlierer und insbesondere eine unangenehme Unsicherheit. Meist entstehen Bärenmärkte daher auch in den ersten beiden Jahren einer US-Präsidentschaft, wenn der elitäre Aktionismus der Legislative am größten und extremsten ist. Danach, bei den Zwischenwahlen, entsteht eigentlich immer ein politisches Patt. So auch dieses Mal – 2020 ist ein Wahljahr im US-Präsidentschaftszyklus. In diesen Zeiten wird viel geredet und wenig gemacht. Eine ideale Situation für Unternehmen und Aktienmärkte, sich zu entwickeln. Natürlich bedeutet das nicht, dass 2021 oder 2022 der nächste Bärenmarkt folgt. Es bedeutet jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit in den nächsten zwölf bis 18 Monaten tendenziell gering ist.

Euphorie ist messbar – und nicht da

Kurz vor Bärenmärkten entsteht häufig eine Euphorie. Die Stimmung überschießt die fundamentale Entwicklung, irgendwann fällt dies mehr und mehr Anlegern auf. Dann beginnt der Bär, langsam und schleichend. Wenn dann allen bewusst ist, dass die Stimmung besser als die fundamentale Lage ist, geht es schnell abwärts. Das geschieht tendenziell im letzten Drittel der zwölf- bis 18-monatigen Phase. Die Stimmung einzufangen ist schwer, zählen hierzu doch Privat- und institutionelle Anleger, Wirtschaftsakteure, Experten, Manager und viele weitere Personenkreise. Was man jedoch fast immer sieht, ist eine Spitze bei kreditfinanzierten Aktienkäufen. Zum aktuellen Zeitpunkt sinken diese Verschuldungszahlen, was nicht bedeutet, dass kein Bärenmarkt folgen kann, aber zumindest illustriert dies, dass die Erwartungshaltung keine euphorischen Tendenzen beinhaltet.

Fazit

Trotz neuer Allzeithochs ist Höhenangst fehl am Platz. Auch das Warten auf bessere Zeiten ist ein schlechter Ratgeber. Aktienmärkte preisen Entwicklungen zwölf bis 18 Monate vor dem eigentlichen Event ein. Eindrucksvoll sieht man das an der bisherigen Jahresentwicklung mit mehr als 20 Prozent – ein völlig normales Jahr übrigens, denn die langfristige Aktienmarktperformance setzt sich aus Extrem- und nicht aus Durchschnittswerten zusammen. Und wieder einmal bestätigt sich die Grundformel: „Die beste Zeit, sein Geld zu investieren, ist genau jetzt!“ Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verpasst man hervorragende positive Renditen, wenn man nur lange genug wartet. Die Zeit ist schließlich der beste Freund des Aktionärs.

Über den Autor

Torsten Reidel

Torsten Reidel ist Geschäftsführer von Grüner Fisher Investments

Thomas Grüner

Thomas Gründer ist Gründer und Vice Chairman bei Grüner Fisher Investments.