An den zahlreichen Marktsegmenten der europäischen Börsen für kleinere Unternehmen wurden im Jahr 2019 insgesamt 124 sogenannte Small Caps gelistet. Dabei gab es in Österreich am neuen Marktsegment Vienna direct market plus und am Münchner m:access je acht neue Listings. Im entsprechenden Segment „Scale“ der Deutschen Börse war indes kein Zugang zu verzeichnen. Von Jens Hecht, Kirchhoff Consult AG

Gemessen an der Umsatzentwicklung handelt es sich um kleinere, aber wachstumsstarke Unternehmen. Das stellt eine enorme Bereicherung des europäischen Kapitalmarkts dar. In der Auswertung wurden die Wachstumssegmente AIM der London Stock Exchange (sieben Listings) sowie AIM-MAC der Borsa Italiana (29), Euronext Access und Growth (Brüssel, Dublin, Lissabon, Paris; 30), First North Growth Market der NASDAQ (42), Scale der Frankfurter Wertpapierbörse, (null) m:access der Börse München (acht) und direct market plus der Wiener Börse (acht) berücksichtigt.

Kirchhoff
Prozentualer Anteil IPOs nach europäischen
Wachstumsmarktsegmenten 2019

Wachstumsstarke Small Caps in Europa

Die 124 europäischen Small-Cap-Börsengänge erzielten im Jahr 2019 einen durchschnittlichen Umsatz in Höhe von rund 45 Mio. EUR (Median: 10 Mio. EUR). Die untersuchten Unternehmen stammen dabei aus unterschiedlichen Branchen, beispielsweise erneuerbare Energien, Immobilien, Beteiligungsgesellschaften, Technologie, Finanzdienstleistungen, Pharmazie sowie Medizin- und Industrietechnik.

Den höchsten Umsatz erzielte 2019 mit immerhin 1,7 Mrd. EUR ein Gesundheitsdienstleister aus Dublin: Uniphar Plc. Das Unternehmen wurde parallel an der AIM in London und an der Euronext Growth notiert. Im Schnitt lag das Umsatzwachstum aller untersuchten Small-Cap-Listings im Geschäftsjahr 2019 bei rund 86% (Median: 12%).

Der Emittent mit dem stärksten Wachstum ist Signature Fastigheter, eine schwedische Immobiliengesellschaft, die Wohn- und Gewerbeimmobilien entwickelt und verwaltet: Hier hat sich der Umsatz mehr als verzwanzigfacht. Darauf folgt Startup300, eine österreichische Beratung, die Unternehmen bei der digitalen Transformation unterstützt, mit einem Umsatzanstieg um das 18-Fache. Das drittstärkste Umsatzwachstum verzeichnete Innovative-RFK, eine Private-Equity-Gesellschaft mit Sitz in Mailand, die sich auf Kapitalbeteiligungen an innovativen kleinen und mittleren Unternehmen spezialisiert hat, die in den Bereichen digitales Marketing und medizinische Geräte tätig sind, mit einem Umsatzanstieg um das Neunfache.

Unter den Top Ten in Sachen Wachstum finden sich zwei Unternehmen aus dem Segment m:access der Bayerischen Börse sowie ein Unternehmen des Vienna direct market plus.

Auch wenn Scale 2019 keine IPOs verzeichnete, so findet man an der Frankfurter Börse durchaus wachstumsstarke neue Small-Cap-Listings im Freiverkehr – so beispielsweise die MBH Corporation Plc. Gemessen am Umsatzanstieg 2019, im ersten Jahr an der Börse, gehört das Unternehmen zu den Top Ten der am stärksten gewachsenen Small-Cap-Börsenneulinge in Europa. MBH erreichte 2019 ein Umsatzwachstum von 306% auf rund 56 Mio. EUR und erwirtschaftete einen Nettogewinn nach Steuern in Höhe von 4 Mio. EUR, was einer Verdreifachung entspricht. MBH ist eine diversifizierte Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in London, die kleine und mittlere Unternehmen aus verschiedenen Regionen und Branchen erwirbt, die gut etabliert und profitabel sind.

Top Ten der wachstumsstärksten Small-Cap-IPOs in Europa

UnternehmenBörsensegmentBerichtswährungUmsatz 2019
in Mio.
Veränderung

Signatur FastigheterFirst North GrowthSEK34,92.544%
Startup300direct market plusEUR4,51.700%
Innovative-RFK Euronext AccessEUR0,2900%
Bublar GroupFirst North GrowthSEK17,0467%
VST BUILDING TECHNOLOGIESm:accessEUR41,9246%
SeafireFirst North GrowthSEK164,0218%
ZignSecFirst North GrowthSEK6,9216%
InCoax NetworksFirst North GrowthSEK3,0200%
FerroampFirst North GrowthSEK46,0188%
Solutiance AGm:accessEUR1,3160%

 

Wachstumssegmente für Börsengänge von Small Caps und Wachstumsunternehmen

Ein Börsengang schafft finanziellen Spielraum für Wachstum sowie Innovation und öffnet Unternehmen den Weg zu nationalen und internationalen Investoren. Mit der Einführung von neuen Börsensegmenten versuchen die europäischen Börsen schon seit vielen Jahren, kleine und mittlere Unternehmen für einen Börsengang zu gewinnen.

Mit der Etablierung von Scale im Jahr 2017 hat die Deutsche Börse ein neues Segment für Wachstumsunternehmen wie auch für den klassischen Mittelstand geschaffen. Scale wurde als Ersatz für den früheren Entry Standard gegründet und erleichtert mit seinen auf kleine und mittlere Unternehmen („KMU“) zugeschnittenen Einbeziehungsvoraussetzungen und -folgepflichten die Kapitalbeschaffung; es bietet eine effiziente Möglichkeit der Eigenkapitalfinanzierung über einen gesetzlich registrierten KMU-Wachstumsmarkt nach EU-einheitlichen Standards. Das Wachstumssegment m:access der Börse München, ein auf die Mittelstandsfinanzierung fokussiertes Freiverkehrssegment, existiert sogar bereits seit 15 Jahren.

In anderen europäischen Ländern bestehen solche Wachstumsbörsen schon länger und werden von KMU beim Gang an die Börse weitaus häufiger genutzt als das deutsche Pendant. Der Alternative Investments Market (AIM) der London Stock Exchange wurde bereits 1995 gegründet und das Marktsegment „AIM Italia – MAC“ im Jahr 2009. Das Wachstumssegment Growth der Euronext (Brüssel, Dublin, Lissabon, Paris) gibt es seit dem Jahr 2005. Der Vienna direct market plus wurde im Januar 2019 für KMU als Teilsegment des Aktienmarkts der Wiener Börse gegründet.

Fazit

Die Analyse der europäischen Small Caps zeigt das große Wachstumspotenzial von Nebenwerten. Die meisten neuen Emittenten konnten im ersten Börsenjahr ihre Umsätze erheblich steigern. Dass viele dieser jungen Wachstumsunternehmen noch Verluste schreiben, hat Investoren nicht abgeschreckt. Sie sind sich der Risiken von Small Caps bewusst – aber genauso ihrer Chancen.

Die zahlreichen Small-Cap-Börseneinführungen in Europa stimmen äußerst zuversichtlich in Hinblick auf die Vielfalt an den Kapitalmärkten und die Finanzierungsoptionen für kleine und mittlere Unternehmen. Auch wenn Scale 2019 keine Börsengänge verzeichnen konnte, stimmen die Listings am Münchner m:access sowie am neuen Vienna direct market plus zuversichtlich. Um zu den anderen europäischen Wachstumsbörsen aufzuschließen, benötigen wir hier wie dort steuerliche Anreize und eine neue Aktienkultur.

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Über den Autor

Jens Hecht

Jens Hecht, CFA, ist Managing Partner der Kirchhoff Consult AG und berät mittelständische Unternehmen in den Bereichen Investor Relations, Kapitalmarkttransaktionen und Finanzberichterstattung.