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Dr. Helge Braun, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMDie Bedeutung der Biotechnologie wird auch im politischen Umfeld anerkannt. Im Interview spricht Dr. Helge Braun über neue Förderprogramme des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und das europäische Rahmenprogramm „Horizont 2020“. Er bezieht Stellung zur aktuellen Bioenergie-Debatte und beschreibt die Rolle kleiner und mittelständischer Biotechnologie-Unternehmen für Deutschland.

GoingPublic: Herr Dr. Braun, die Förderprogramme BioÖkonomie2030 und Gesundheitsforschung laufen beide seit 2011. Welche Bedeutung kommt in diesen Programmen der Biotechnologie zu?

Braun: Die Biotechnologie leistet einen essenziellen Beitrag zu den Forschungskonzepten in der Bioökonomie und Gesundheitsforschung. Damit ermöglicht sie Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit. Ohne biotechnologische Verfahren wären viele Produkte wie Biokunststoffe oder eiweißbasierte Medikamente – beispielsweise Insulin oder auch viele Impfstoffe – heute nicht verfügbar. Die Biotechnologie ist als wichtiger Impulsgeber für biobasierte Innovationen in den genannten Regierungsprogrammen fest verankert und Bestandteil vieler Fördermaßnahmen wie „Basistechnologien für eine nächste Generation biotechnologischer Verfahren“ oder „Innovationswettbewerb Systembiologie“. Die Programme BioÖkonomie2030 und das Gesundheitsforschungsprogramm werden ergänzt durch das Programm „KMU-Innovativ: Biotechnologie“: Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) in Deutschland sollen gezielt dazu ermutigt werden, auch risikoreiche Projekte mit hohem Innovationsgrad anzugehen. In neun Auswahlrunden sind bisher 140 Mio. EUR Fördermittel bereitgestellt worden, davon etwa zwei Drittel für 186 kleine und mittlere Unternehmen, die sich mit der „Roten“, „Grünen“ oder „Weißen“ Biotechnologie befassen. Das erfolgreiche Konzept von „KMU-innovativ: Biotechnologie“ wird nun auch auf die Medizintechnik übertragen, die im Oktober 2011 für unbeschränkte Zeit angelaufen ist und etwa 10 Mio. EUR pro Jahr zur Verfügung stellt. Somit wird ein besonderer Schwerpunkt im Gesundheitsforschungsprogramm gesetzt.

GoingPublic: Wie stehen Sie zur aktuellen Bioenergie-Debatte?

Braun: Tatsächlich hat in den letzten Wochen eine Stellungnahme der Leopoldina Nationale Akademie der Wissenschaften mit dem Titel „Bioenergie: Möglichkeiten und Grenzen“ für Diskussion gesorgt. Darin werden der Bioenergie nur Chancen eingeräumt, wenn Reststoffe, beispielsweise aus der Landwirtschaft, eingesetzt werden. Genau aus dem Grund hat das BMBF z.B. die biotechnologische Forschung an der Zellulose-Ethanol-Anlage in Straubing gefördert, die von Frau Bundesministerin Schavan am 20. Juli 2012 eröffnet wurde. Derartige Anlagen könnten in vielen Weltregionen klimaschädliches und unproduktives Verbrennen oder Verfaulen von Agrarreststoffen verhindern. In der Stellungnahme spricht die Leopoldina auch die Hoffnung aus, dass durch genetische Modifikationen und synthetische Biologie der Ertrag in der Landwirtschaft gesteigert werden kann. Sie fordert also einen verstärkten Einsatz der Biotechnologie, was wir ebenfalls unterstützen. Eine pauschale Ablehnung der Bioenergie, wie sie in der Presse dargestellt wurde, entnehme ich der Stellungnahme also nicht.

GoingPublic: In Deutschland und in ganz Europa beklagen sich Biotechnologie-Unternehmen über das Fehlen von Finanzierungsmöglichkeiten durch Venture Capital (VC). Welche Überlegungen seitens des Bundesministeriums gibt es, Investoren nach Deutschland zu locken?

Braun: In der Tat leiden viele innovative Biotechnologie-Unternehmen unter einem Mangel an VC. 2011 fiel der Kapitalzufluss in die deutschen Biotech-Firmen auf ein Rekordtief von rund 140 Mio. EUR. Die Gründe für den Kapitalmangel liegen vor allem in den häufig langen Entwicklungszeiten der Biotechnologie, wie verschiedene Untersuchungen gezeigt haben. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt Gründer in diesem Forschungsfeld daher mit gezielten Fördermaßnahmen. Nehmen Sie zum Beispiel die Gründungsoffensive Biotechnologie „GO-Bio“. Hier können Gründer über einen längeren Zeitraum Entwicklungen vorantreiben, ohne bereits auf externe Kapitalgeber angewiesen zu sein, indem ihnen über etwa drei Jahre hinweg eine Arbeitsgruppe im akademischen Umfeld finanziert wird. Im Anschluss fördert „GO-Bio“ die Gruppe weiterhin als selbstständiges Unternehmen für maximal drei weitere Jahre, allerdings muss auch privates Kapital eingeworben werden. Bei der eigentlichen Firmengründung sollte schon ein „Proof of Concept“ erreicht sein, so dass sich daraus Möglichkeiten für Auslizenzierungen oder Verkauf bieten. Ein weiteres Instrument, um Gründer zu unterstützen, haben wir gemeinsam mit der Technologietransfergesellschaft Ascenion sowie mit dem Finanzinvestor Vesalius Biocapital entwickelt. Der sogenannte „Spinnovator“ hat zum Ziel, vorhandenes Patent- und Lizenzpotenzial für Neugründungen in den Life Sciences zu nutzen. Er verfügt über ein Volumen von 40 Mio. EUR, von denen 20 Mio. von Seiten des BMBF als projektgebundene Fördermittel bereitgestellt werden. Hiermit soll in den kommenden fünf Jahren bis zu zehn Neugründungen der Start ermöglicht werden.

GoingPublic: Europa steht am Scheideweg, eine führende Position in der Bioökonomie einzunehmen. Wie wird das Rahmenprogramm „Horizont 2020“ diesen Weg beeinflussen?

Braun: Im neuen Forschungsrahmenprogramm „Horizont 2020“ sollen für die Bioökonomie erheblich mehr Fördermittel bereitgestellt werden, bis zu einer Verdopplung im Vergleich zum 7. EU-Forschungsrahmenprogramm. Das entspricht auch der europäischen Strategie „Innovation für nachhaltiges Wachstum: eine Bioökonomie für Europa“, womit die EU die Bereiche Lebensmittelsicherheit, nachhaltiger Umgang mit natürlichen und endlichen Ressourcen und Klimawandel verbinden will und die sie als gesellschaftliche Herausforderung definiert hat. Horizont 2020 sollte neben einem bedarfsgerecht ausgestatteten Förderprogramm auch Strukturen für eine verstärkte Zusammenarbeit der verschiedenen Politikbereiche in der Kommission bilden.

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