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Prof. Dr. Jochen Maas, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung und Dr. Uwe Wirth, Leiter Wirkstoffe Biotechnik, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH

Der französische Sanofi-Konzern gehört zu den weltweit führenden Pharmaunternehmen. Bei diesen vollzieht sich seit geraumer Zeit ein Wandel weg von der Herstellung chemischer hin zu biologischen Wirkstoffen (Biologica). Im Interview mit dem GoingPublic Magazin sprechen Prof. Dr. Jochen Maas und Dr. Uwe Wirth über den Trend zur Biologisierung und die Bedeutung von Kooperationen in der Pharmaindustrie.

GoingPublic: Herr Maas, Herr Wirth, worin unterscheiden sich chemische und biologische Wirkstoffe überhaupt?
Maas:
Es ist nicht immer ganz eindeutig, was unter Biologica zu verstehen ist. Generell sind diese dadurch gekennzeichnet, dass sie biologisch hergestellt werden und große Moleküle sind. Bei den klassischen, auf chemischem Wege hergestellten Pharmazeutika handelt es sich dagegen in der Regel um kleine Moleküle.

GoingPublic: Wo liegen die Vorteile?
Maas:
Die Erfolgswahrscheinlichkeit, mit Biologica auf den Markt zu kommen, ist größer. Wir haben deutlich geringere Ausfallraten zwischen Forschung und Marktzulassung. Zudem ist die Entwicklungsdauer kürzer. Man rechnet im Allgemeinen mit etwa zwölf bis 14 Jahren für ein kleines Molekül und um die zehn Jahre oder gar weniger für Biologica. Zudem sind die unerwünschten Nebenwirkungen in der Anwendung seltener.
Wirth:
Die Targets im Körper werden durch kleine Moleküle immer schwerer zu erreichen und es wird zunehmend herausfordernder, hier neue Wirkstoffe zu finden, die eine Überlegenheit gegenüber den bereits am Markt erhältlichen darstellen. Möchte man den hundertsten Blutdrucksenker herstellen oder doch neue Krankheitsbilder behandeln? Letzteres wird man wohl eher mit biologischen Wirkstoffen schaffen.

Bruttoangaben, ohne Berücksichtigung gesetzlich verfügter Abschläge und ohne Abzug sonstiger Rabatte. Quellen: IMS Health; MIDAS; MAT Dezember 2011; nur Biopharmazeutika-Markt

GoingPublic: Sanofi setzt im Zuge seiner Patentausläufe nun also verstärkt oder sogar ausschließlich auf Biologica?
Maas:
Das „Patent Cliff“ betrifft alle Pharmafirmen. Wir sind aber in der vergleichsweise komfortablen Situation, dass wir unseres schon zu 90% überwunden haben. Biologica sind viel schwieriger zu kopieren als kleine Moleküle. Sie können relativ einfach kleine Moleküle nachkochen und als Generika auf den Markt bringen. Bei Biologica brauchen Sie einen deutlich größeren Aufwand, sowohl wissenschaftlich als auch in der Produktion.
Wirth:
Die Eintrittsbarrieren sind daher recht hoch. Es handelt sich um sehr spezifische Anlagen, die mit hohen Investitionen – häufig im dreistelligen Millionenbereich – verbunden sind. Hinzu kommt, dass die Herstellung sehr viel mehr Know-how erfordert als die Synthese eines kleinen Moleküls. Eine weitere Barriere stellt die Anlagenzulassung bei den Arzneimittelbehörden dar, die wesentlich anspruchsvoller und zeitintensiver ist. Dies ist für Generika-Anbieter schwierig und mit einer der Gründe, warum die Pharmaindustrie auf Biologica setzt – eben um sich ein Stück weit vor der Generika-Konkurrenz zu schützen.

GoingPublic: Welchen Stellenwert wird die Biotechnologie zukünftig in Ihrem Unternehmen einnehmen?
Maas:
Die gesamte Pharmaindustrie und auch wir hatten bislang in etwa eine Verteilung von 80% kleiner Moleküle und 20% Biologica. So gut wie alle größeren Pharmafirmen werden sich zukünftig in Richtung 50:50 bewegen. Wir wollen dieses Ziel in den nächsten zwei Jahren erreichen. Beim Umsatz und Gewinn hat sich das Gewicht aufgrund unseres sehr erfolgreichen langwirksamen Insulins bereits deutlich in Richtung Biologica verschoben. Wir werden in Zukunft noch stärker in diesen Bereich investieren. Ein weiteres Indiz für die Verschiebung bei uns ist die Tatsache, dass es am Standort Frankfurt im Bereich Biologica in den vergangenen Jahren zu einem Stellenaufbau kam. Zudem haben wir Kooperationen mit externen Partnern aus der Biotechnologie bereits ausgebaut und werden dies noch ausweiten.

Wirth: Insgesamt lässt sich der steigende Stellenwert von Biologica an der gesamten Ausrichtung von Sanofi festmachen. Das zeigt u.a. die Akquise von Genzyme. Diese Firma haben wir in erster Linie aufgrund ihres großen Potenzials im Bereich Biotechnik gekauft. Zudem haben wir in zwei neue Anlagen in Frankreich investiert. Und wir stellen unsere interne Organisation um: Anstatt zuvor vier großer Wirkstoff-Produktionseinheiten gibt es jetzt nur noch Chemie und Biotechnologie. Außerdem haben wir vor zwei Jahren eine Mitarbeiterschulungsinitiative ins Leben gerufen. Diese umfasst rund 700 Mitarbeiter sämtlicher Hierarchiestufen, die zuvor im chemischen Bereich gearbeitet haben und jetzt für den Bereich Biotechnologie qualifiziert werden.

Dr. Uwe Wirth im Gespräch mit GoingPublic Redakteur Johannes Herbert

GoingPublic: Welche Bedeutung nehmen im Bereich Biotechnologie die interne Zusammenarbeit einerseits und externe Kooperationen andererseits ein?
Maas:
Wir müssen sicherstellen, dass die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Entwicklung sowie mit dritten Partnern funktioniert. Deshalb beziehen wir Entwickler z.B. Kliniker oder Ärzte schon sehr früh in den Forschungsprozess mit ein. Die Teams sind von Anfang an interdisziplinär und „cross-company“ zusammengesetzt. Die teilweise sehr unterschiedlichen Mentalitäten müssen miteinander vereinbart werden. Das funktioniert über gemeinsame Projektteams und Enthusiasmus für die Projekte. Die besten Ideen für neue Behandlungen kommen oft von außerhalb: von Universitäten und kleinen Biotech-Unternehmen.

GoingPublic: Wieso?
Maas:
Zwischen einer Idee und dem Markt liegt ein langer Weg von zehn bis 15 Jahren und ca. 1 Mrd. EUR an Kosten. Unsere Stärke wiederum ist die Übersetzung einer Idee in ein marktfähiges Präparat. Am Ende steht im Idealfall eine Win-Win-Situation: Wir kommen an neue Ideen und die externen Partner bekommen die Möglichkeit, diese Ideen zu einem marktfähigen Arzneimittel zu entwickeln. Bei der Mehrzahl der Kooperationen lizenzieren wir einzelne Projekte ein, Co-Development und Akquise der Unternehmen sind dagegen die Ausnahme.
Wirth:
Ein sehr großer Vorteil für eine funktionierende Zusammenarbeit – insbesondere im komplexen Bereich der Biotechnologie – ist Forschung, Entwicklung und Produktion an einem integrierten Standort vereint zu haben, so wie es hier bei Sanofi in Frankfurt der Fall ist. Dadurch schafft man ein enormes Potenzial, die Herstellungsverfahren zu optimieren: sowohl hinsichtlich der Qualität als auch bei der Kostenoptimierung, Durchlaufzeitenverkürzung, Erhöhung der Produktionskapazitäten etc. Im Rahmen von Kooperationen mit Dritten gilt es noch zu ergänzen, dass wir auch Auftragsproduktionen anbieten. Das müssen nicht zwangsläufig Unternehmen sein, mit denen auch Kooperationen auf Forschungsebene bestehen, und auch nicht unbedingt Biotech-Unternehmen, sondern auch solche aus dem chemischen Bereich.

GoingPublic: Meine Herren, vielen Dank für das Gespräch.

Dieses Interview ist erschienen in der Sonderausgabe Biotechnologie 2012.

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