Der „Schwarm“, das ist die allgemein akzeptierte Übersetzung für die „Crowd“, sofern man nicht gleich beim Anglizismus bleibt. „Schwarmintelligenz“ klingt ja auch bedeutend netter als „Mengenrabatt“, „Massenabfertigung“ oder „Herdentrieb“. Mit Big Data umschreiben wir das gesamte digitale Datenaufkommen, das in den unzähligen Schnittstellen von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat entstanden ist und welches rasant wächst. 

Längst haben alle begriffen, dass digitale Wertschöpfung nicht mit Geld, sondern mit personalisierten Informationen bezahlt wird. Da jeder von uns sein Nutzerverhalten offenbart, entstehen aus den resultierenden Algorithmen immer genauere Vorhersagen für künftige Entscheidungen – auf diese Weise bewirbt man unsere pseudoindividuellen Interessen. So befindet sich nicht zufällig ein Taxi in unserer Nähe. So wird die Wirklichkeit zum virtuellen 3D-Abenteuerspielplatz und das Raum-Zeit-Kontinuum für selbstfahrende Autos programmiert.

"Big Data kennt unser Geschlecht, unser Alter, unserer Nationalität, unsere Gesundheit, unseren Wohnort, unsere Konsum- und Kommunikationsgewohnheiten". Bildquelle: fotolia
„Big Data kennt unser Geschlecht, unser Alter, unserer Nationalität, unsere Gesundheit, unseren Wohnort, unsere Konsum- und Kommunikationsgewohnheiten“. Bildquelle: fotolia

Fast die Hälfte aller produktbasierten Weltmarktführer kommt aus Deutschland. Daher widerspricht der „unbegreifliche“ Umgang mit Datenströmen beziehungsweise -wolken und den daraus abzuleitenden Dienstleistungen bisweilen vielleicht sogar dem ingeniösen Wesen unserer mittelständischen Tüftler. Sollten aber neue Ideen im Big Data-Sektor entstehen, dann werden sich diese mit Sicherheit Kapital von der Crowd holen, weil Banken prinzipiell keinerlei Bereitschaft zeigen, etwas zur riskanten Finanzierung immaterieller Geschäftszwecke beizutragen und schließlich jede Entscheidung gegenüber den Eigentümern, bzw. den Aktionären rechtfertigen müssen. Im Übrigen verdient die Bank nur spärlich an verliehenem Geld. Die „Crowd“ tickt anders. Durch die Verteilung des Risikos auf unzählige Schultern, trägt jeder Anleger nur eine geringe Last. Eine Eigendynamik entsteht schon im Verlauf der Kampagne. Nach schleppendem Beginn, begeistern sich immer mehr Menschen für das Projekt und investieren. Das beobachtet die „Crowd“ sehr genau und zeigt sich nun ebenfalls von der Sache überzeugt. Am Schluss springen noch die vielen Trittbrettfahrer auf, um nur ja nichts zu verpassen.

ANZEIGE

Natürlich erwarten Crowdinvestoren eine Zusage über die zu erwartenden Renditen. Hinter vorgehaltener Hand geben sie aber zu, auch ein Wette auf den erfolgreichen Exit des Start-up-Unternehmens getätigt zu haben. Denn kauft ein Konzern die Idee, dann besteht die Chance, den ursprünglichen Einsatz zu vervielfachen. Dass dies nicht bei allen Projekten klappt, weiß die Crowd. Deshalb werden viele, kleine Beträge verteilt und nicht alles auf eine Karte gesetzt.

Von den Tücken einer Innovation
Big Data kennt unser Geschlecht, unser Alter, unserer Nationalität, unsere Gesundheit, unseren Wohnort, unsere Konsum- und Kommunikationsgewohnheiten. Natürlich sind auch Bewegungsmuster und -zeiten bekannt. „Na und?“, sagen viele Leute. „Datenschutz“ sei ein langweiliges Wort – solange man nicht die Kehrseite der Medaille kennengelernt hat. Denn mittlerweile weiß jeder Nutzer, dass ein „Shitstorm“ keinesfalls schlechtes Wetter ankündigt, sondern einen gnadenlosen Hagel von Beleidigungen. Mit einem falsch gesetzten Häkchen wird die kleine Einladung zum Geburtstag eine Heimsuchung durch abertausende Vandalen. Mädchen und junge Frauen überdecken Kameralinsen an ihren Laptops mit Klebeband, um nicht ungewollt fotografiert oder gefilmt zu werden. „Big Brother“ aus George Orwells Roman ist leider das unzertrennliche Geschwisterkind von Big Data. Ed Snowden ist Jahrgang 1983 und schließt den prophetischen Kreis des Buchtitels „1984“. Dessen Big Brother und unser Big Data sind siamesische Zwillinge.

Systembedingt verwechselt Big Data derzeit häufig noch Quantität mit Qualität und versagt deshalb zuweilen im Zusammenspiel mit Menschen. Auf diese Weise gewinnt man anhand von drei aufeinanderfolgenden Doppelfehlern beim Tennis manipulierte Wetten, so stürzen stabile Börsenkurse in Sekundenschnelle ab oder schnellen absurd hoch, so verrutscht auch mal die Kommastelle bei Finanztransaktionen in astronomische Höhen. Das passiert, weil zu wenig Menschen mehr mit gesundem Menschenverstand dagegenhalten und elektronische Systeme immer mehr autonome Entscheidungen fällen.

Print Friendly, PDF & Email