Die medizinische Biotechnologie ist eine hoch dynamische, doch sehr spezielle Branche. Einerseits multinational bestens vernetzt, andererseits akademisch geprägt und teils nerdig. Die zahlreichen deutsch-chinesischen Kooperationen funktionieren ebenfalls nach etwas anderen Regeln als in den klassischen Industrien. Doch auch hier spielen Beteiligungen und Übernahmen eine zunehmend wichtigere Rolle. Von Mark Fehr

Wer in die weltweit vernetzte Biotech-Branche investieren will, muss über viele internationale Ecken spielen. Wie das funktioniert, lässt sich am Beispiel der Münchner Beteiligungsgesellschaft TVM Capital Life Science beobachten. TVM hat 2015 einen 50 Mio. USD großen Venture-Capital-Fonds namens China Biopharma Capital I aufgelegt. Beraten wird der Fonds von TVMs Hongkonger Büro aus. Mit an Bord ist die chinesische Pharmafirma Lummy aus der zentralchinesischen Metropole Chongqing. Lummy notiert an der Börse in Shenzhen und beschäftigt rund 2000 Mitarbeiter. Das Fondskapital soll in westliche Jungunternehmen aus der Biotech-Branche fließen, deren Produkte sich für die Lizenzierung, Entwicklung und Vermarktung in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt eignen könnten. Seit September 2016 gehört nun das Start-up Quantapore aus dem Silicon Valley zum Portfolio, welches eine besonders kostengünstige Plattform für die Entschlüsselung von menschlichen Erbinformationen entwickelt.

Professor Ole Döring, Direktor, SIGENET
 
„Chinesischen Wissenschaftlern steht eine sehr leistungsfähige Informationstechnologie zur Verfügung.“ (Professor Ole Döring, Direktor, SIGENET) 
 

Vermarktung im Reich der Mitte

Umsätze chinesischer Biopharmazieeunternehmen
Umsätze chinesischer Biopharmazieeunternehmen (in Mrd. RMB – Quelle: CIConsulting)

Diese TVM-Transaktion setzt auf Produktentwicklung im Westen und die Vermarktung in China. Dazu passt, dass der wegen des steigenden Wohlstands und der alternden Gesellschaft wachsende chinesische Gesundheitsmarkt ein Absatzvolumen verspricht, das groß genug ist, um die hohen Forschungsausgaben für biotechnische Innovationen amortisieren zu können. Aber die Zusammenarbeit mit China ist in der Biotech-Branche keine Einbahnstraße. Denn Chinas ehrgeizige Wissenschaftler und Forschungsinstitutionen beschleunigen die Entwicklung von neuen Produkten in der medizinischen Biotechnologie, sodass die Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern nicht nur bei der Markterschließung helfen kann, sondern auch bei der Suche nach neuen Ideen.

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Kulturelle Wurzeln

„Die chinesische Kultur ist eine Bildungskultur, in der Lernen und Wissen anerkannte Werkzeuge beim gesellschaftlichen Aufstieg sind“, sagt Ole Döring, Professor am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin und Direktor des Sino-German Network for Public Health and Bioethics (SIGENET) an der Charité. Chinesische Wissenschaftler und Naturwissenschaftler in der Bioforschung seien ganz besonders leistungsbereit und leistungsfähig. Chinaexperte Döring forscht zur Medizin- und Bioethik und hat daher tiefe Einblicke in den chinesischen Wissenschaftsbetrieb, insbesondere in die medizinische und biotechnische Forschung.

Praxisnahe Forschung

Quellen: dealogic, eigene Recherche; n.v.: nicht veröffentlicht
Quellen: dealogic, eigene Recherche; n.v.: nicht veröffentlicht

Westlichen Unternehmen kann bei der Zusammenarbeit mit chinesischen Wissenschaftlern entgegenkommen, dass die Übergänge zwischen akademischer Forschung und praktischer Anwendung in China laut Döring viel fließender verlaufen als zum Beispiel in Deutschland. Von chinesischen Forschungsinstituten werde regelrecht erwartet, dass sie mit ihren Ergebnissen Geld verdienen. „Das chinesische Forschungssystem ist sehr modern und den chinesischen Wissenschaftlern steht eine sehr leistungsfähige Informationstechnologie zur Verfügung“, beobachtet Döring. Die IT-Qualität ist in der Biotechnologie besonders entscheidend, wo viele Experimente per Computer berechnet werden. So qualifizierte sich das renommierte Beijing Genomics Institute (BGI) mit Sitz in der Industriestadt Shenzhen schon in den 1990er-Jahren als einziger Vertreter eines Entwicklungslandes für die Teilnahme am internationalen Humangenomprojekt (HGP), bei dem sich Wissenschaftler aus aller Welt zur systematischen Erforschung der menschlichen Erbanlagen zusammenschlossen, um etwa Therapien gegen Erbkrankheiten zu entwickeln.

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