Europa liebt uns
Während ich
mir über die Gesangskunst „unserer“ Lena kein Urteil zu erlauben wage – da gibt
es sicherlich besser Qualifizierte und außerdem sind die Geschmäcker ja
verschieden – ist es verwunderlich zu sehen, wie schnell sich die deutsche
Wahrnehmung wandelt. Sah sich der Deutsche noch vor wenigen Wochen ausgebeutet
durch die „faulen Südländer“, so jubelt heute das Vaterland: „Europa liebt
uns!“ Schließlich haben uns so viele Staaten mit Punkten bedacht, von denen wir
das so nicht erwartetet hätten. Spanien, Lettland, Litauen, Belgien…“Nachtigall,
ick hör dir trapsen“ mag sich da der ein oder andere denken. Schließlich sind
dies alles Staaten, die darauf hoffen im Falle eines Bankrotts die mildtätige
Unterstützung des deutschen Steuerzahlers einfordern zu dürfen. Und haben nicht
die undankbaren Griechen „uns“ nur zwei Punkte geben? Klassisch! Undank ist der
Welten Lohn! Da sie ihr Geld bereits erhalten haben, zeigen sie „uns“ die kalte
Schulter. Die Portugiesen schlossen sich den Griechen an, denn der 750 Mrd. EUR
schwere Rettungsschirm dürfte auch für sie ausreichend sein…
Wem das zu sehr um die Ecke(n) gedacht ist: Die vom Bankrott
bedrohten Länder werden so oder so gerettet werden. Denn das Aufspannen von
Rettungsschirmen ist ja immer „alternativlos“, wie wir inzwischen zur Genüge von
unserer Bundeskanzlerin erfahren durften. Fräulein Meyer-Landrut hat sich
einfach nur angenehm abgesetzt von der Schar der glitzernd bunten Popbarden und
ein wohl relativ eingängiges Lied geträllert, das kam an – mehr nicht, weniger
auch nicht.
Die Ersten gehen von Bord
Viel interessanter war in den vergangenen Tagen jedoch, wer sich
ebenfalls abgesetzt hat. Der Ministerpräsident Roland Koch und Bundespräsident Horst
Köhler verkündeten ihren Rückzug aus der Politik. Der Hesse bemängelte seinen
schwindenden Gestaltungsspielraum. Dass er außerdem keine Chance mehr auf das
Kanzleramt sieht und dann eigentlich auch keine Lust mehr hat mitzuspielen,
dürfte ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Die Vorstellung, dass jemand, der
ein Amt übernimmt, damit Verantwortung nicht für sich und seine Ziele, sondern
für die Bürger und deren Wohl übernimmt, hat das Gros der politischen Klasse
schon vor langer Zeit über Bord geworfen. Herr Koch reiht sich dabei treffend
ein. Horst Köhler hingegen sah sich genötigt zurückzutreten, weil er die
Wahrheit über Afghanistan sprach. Nämlich dass der wahre Grund für unser
Engagement in den zentralasiatischen Erdöl- und Erdgasvorkommen liegt, welche
wir (der Westen) gerne unter Umgehung Russlands nutzen wollen würden. Dazu
brauchen wir eben eine Pipeline durch Afghanistan. Die Wortwahl des ehemaligen
Bundespräsidenten war natürlich etwas vorsichtiger. Aber letztlich ist diese
Einlassung und die Ausführungen Horst Köhlers (die wörtlich hier nach zu lesen
sind: http://www.dradio.de/aktuell/1191138/
) so banal und so offensichtlich, dass es manchem Beobachter als fraglich
erscheint, ob dies wirklich der eigentlich Rücktrittsgrund sein kann.
Daher lässt sich darüber nachdenken, ob das wirkliche Motiv Horst
Köhlers (und auch Roland Kochs) nicht ist, dem drohenden Sturm der kommenden
Jahre mit sozialen Unruhen, Massenverarmung und -verelendung und ganz generell großen Umwälzungen auszuweichen und
die öffentlich so exponierte Stellung zu räumen. Aber dies ist Spekulation.
Zwar ist Spekulation, im guten Sinne
des Wortes als vorausschauendes, überlegtes Handeln, unser Geschäft, dennoch
fühlen wir uns auf dem Börsenparkett wohler als auf den glatten Berliner Böden.
Und damit zu den Märkten.
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Die Märkte
Wir
gehen davon aus, dass die Korrektur auf hohem Niveau vorerst weiter andauern
dürfte. Die Sorgen um Spanien und den Euro im Allgemeinen dürften einerseits
die Märkte weiterhin belasten, während die Milliarden, die in die Stützung bzw.
den Rettungsschirm investiert wurden sich positiv auswirken dürften. Wir gehen
nichts desto trotz davon aus, dass spätestens in der zweiten Jahreshälfte der
Crack-up-Boom wieder deutlich an Fahrt gewinnen sollte. Ein erstes schwaches
Anzeichen dafür, dass das schlimmste vorüber ist, war die Ausbildung einer „Eintages-Inselumkehr“
vergangene Woche. Da diese aber unter sehr schwachen Umsätzen erfolgte, darf
die Signalwirkung hier nicht überinterpretiert werden.

Musterdepot
In
unserem Musterdepot bleibt alles beim Alten. Wir tätigen keine neuen Zukäufe
und unser Stopp Loss beim Long-Hebelzertifikat (WKN: GS8YFB) bleibt bestehen. Wenn der DAX also
unter 5.590 Punkten schließt, stellen wir das Zertifikat glatt. Der Kurs des
Papiers dürfte dann um die 4,00 EUR notieren.
Fazit
Unter
Seemännern ist das Phänomen bekannt: die Ratten und andere „blinde“ Passagiere
verlassen ein sinkendes Schiff sehr zügig. In den Rücktritten der beiden
CDU-Politiker mag man Anzeichen einer ähnlichen Reaktion sehen. Und wer will es
ihnen verdenken? Denn wenn der Sturm losbricht, gibt es mit Sicherheit
angenehmere Plätze auf dieser Welt als die exponierte Stellung an der Spitzeeiner
Landesregierung oder gar eines 80-Millionenvolkes.
Ralf Flierl, Fabian
Grummes
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