Doch man muss wissen:
Die Kommunikation in sozialen Netzwerken folgt anderen Abläufen als die
klassische IR und erfordert neue Herangehensweisen. IR-Manager können sich
diesen Trend zunutze machen, um die Aufmerksamkeit von Investoren, Analysten
und der öffentlichen Berichterstattung zu erlangen.
Noch vor einem Jahr waren Twitter, Facebook, Slideshare & Co. für die
Mehrzahl der IR-Fachleute in Deutschland kein Thema. Und auch heute stellen
sich viele die Frage, ob das Social Web nicht eine bloße Modeerscheinung ist.
Wer sich jedoch näher mit dem Thema befasst, kommt schnell zu dem Schluss, dass
die sozialen Netzwerke völlig neue Plattformen für den Informationsaustausch
darstellen. Allein Facebook zählt mittlerweile über 400 Mio. Nutzer – und auf
dem Microblogging-Dienst Twitter tauschen sich Kommunikationsfachleute rund um
den Globus über die neuesten Trends aus. IR-Fachleute müssen diese neuen
Kommunikationswege kennen und Strategien erarbeiten, wie sie Social Media
gewinnbringend in die eigene Arbeit integrieren können.
Social Media verändert die
IR-Kommunikation grundlegend
Die herausragenden Merkmale von Social Media sind Schnelligkeit, Dialog und
Partizipation. Indem man einem Unternehmen oder einer IR-Abteilung via Twitter
oder Facebook folgt, rückt man mental näher an den Absender heran. Der Kontakt
wird intensiver und wertvoller für die Kommunikationsarbeit.
Social Media hat aber ein noch weitaus größeres Potenzial: die grundlegende
Veränderung der IR-Kommunikationsmechanismen klassischer Prägung. In der Regel
werden wichtige Unternehmensentwicklungen heutzutage über Meldungsverbreiter
veröffentlicht, auf der eigenen Website eingestellt und an eigene Kontakte
übermittelt – eventuell findet noch ein Conference Call statt. Das wird sich
ändern.
Kollektive Intelligenz und
Meinungsbildung
In nicht allzu ferner Zukunft werden IR-Manager ihre Meldungen über einen
Social-Media-Dienstleister oder sogar in Eigenregie auf einer Vielzahl von
Plattformen gleichzeitig platzieren. Über Twitter und Facebook werden die
Interessenten des eigenen Unternehmens direkt mit den wichtigsten Informationen
versorgt, Hintergrundinformationen werden auf Slideshare oder Youtube in Form
von Präsentationen, PDF-Dokumenten oder Videos zur Verfügung gestellt. Die User
haben mit nur einem Mausklick die Möglichkeit, diese vielfältigen Formate und
Inhalte direkt weiterzuleiten oder sie in ihre eigenen Plattformen, Blogs,
Websites etc. einzubauen. So kann aus einem 140-Zeichen-Tweet auf Twitter eine
Nachricht werden, die sich in Sekundenschnelle um den Globus verbreitet.
Bereits heute sind 54% aller über Twitter verbreiteten Themen Nachrichten – so
das Ergebnis einer aktuellen Studie des koreanischen Forschungszentrums KAIST
(http://an.kaist.ac.kr). Interessant für alle IR-Kommunikatoren: Auf Twitter
entsteht durch kollektive Intelligenz ein neuer Markt für die
Unternehmensinformationen. Ob eine Information wichtig oder relevant ist,
entscheiden die Nutzer ganz individuell und durch den sogenannten Retweet
(Weiterleitung eines Twitter-Tweets). Alle Retweets zusammen bestimmen den Wert
der ursprünglichen Information. Hier zeigt sich, wo Twitter & Co. ansetzen:
bei der Kommentierung, Meinungsbildung und Aufarbeitung von Informationen.
Mediengerechte Bereitstellung von
Informationen
Um die Aufmerksamkeit von Investoren, Analysten und der öffentlichen
Berichterstattung zu erlangen, wird es in Zukunft nicht mehr genügen, lediglich
Unternehmensmeldungen zu veröffentlichen und persönliche Kontakte zu
Investoren, Analysten und Journalisten zu pflegen. Auch die Unternehmenswebsite
dürfte an Bedeutung verlieren, wenn sie nicht frühzeitig mit den wichtigsten
Social-Media-Plattformen vernetzt wurde.
Immer stärker jedoch wird es auf eine mediengerechte Bereitstellung einer
breiten Palette von Inhalten und Formaten auf den relevanten Plattformen
ankommen. Neben den reinen Texten gewinnen Bilder, Videos und O-Töne an
Bedeutung. Social-Media-Netzwerke leben von den Multimedia-Inhalten ihrer User
– aber auch die klassischen Online-Medien benötigen zur Bebilderung ihrer
Berichterstattung professionell produziertes Bildmaterial vom Vorstand oder den
Produktionsanlagen. Und seit sich Smartphones und Tablet PCs durchgesetzt
haben, erlangen auch Bewegtbilder in der Kommunikation einen immer höheren
Stellenwert.
Nachhaltige visuelle Finanzkommunikation
Viele Unternehmen wissen um die Bedeutung der Bildkommunikation und
flankieren ihre IR-Maßnahmen in der Berichtssaison mit der Bereitstellung von
Fotos in professionellen Bilddatenbanken und auf Social-Media-Plattformen. Die
Kosten hierfür halten sich in überschaubaren Grenzen, weil das eigens für den
Geschäftsbericht produzierte Bildmaterial in der Regel für eine aktive
Verbreitung zweitverwertet werden kann.
Dass Bilder Aufmerksamkeit erzeugen, erleben wir tagtäglich. Richtig
eingesetzt, erfüllen sie jedoch noch einen strategischen Zweck: Mit gutem
Bildmaterial ist es durchaus möglich, eine nachhaltige Wirkung zu erzielen und
bestimmte Themen „visuell“ zu besetzen. Voraussetzung und wesentlicher
Erfolgsfaktor hierfür ist die Erschließung des Bildmaterials durch eine
aussagekräftige Bildlegende und geeignete Schlagwörter alias „Tags“.
Social-Media-IR lebt vom „Tagging“
Ohne „Tags“ wird in Zukunft auch in der klassischen
Investor-Relations-Kommunikation nichts mehr gehen. Alle Informationen – seien
es Unternehmensmeldungen, Geschäftsberichte, Bilder oder Videos – werden mit
Metadaten „getaggt“ werden und so weltweit recherchierbar sein. „Tags“ stiften
Sinnzusammenhänge und machen Informationen verschiedener Unternehmen
vergleichbar. Ein gutes Beispiel hierfür ist das so oft als die Zukunft des
Financial Reporting angepriesene XBRL-Format: In einem komplett getaggten
Bericht wurde jede Zahl und jede Aussage auf ihren Inhalt überprüft und mit
einem Schlagwort versehen. Auch wenn XBRL in Deutschland auf sich warten lässt
– professionelles „Tagging“ macht Unternehmen sowohl für Analysten und
Investoren als auch für die Social-Media-Community transparent und „lesbar“.
Fazit
Was vor einem Jahr nur Insidern ein Begriff war, stellt sich heute als
mögliche Zukunft der IR-Kommunikation dar: Social-Media-IR lebt von der
Schnelligkeit, dem Dialog und den Partizipationsmöglichkeiten der neuen
Plattformen. Jeder wird zum Sender und Empfänger. Die kollektive Intelligenz
der User entscheidet über die Relevanz von Informationen, und durch
intelligentes Tagging von Informationen werden Unternehmen weltweit
vergleichbar. Was bedeutet das für die Akteure in den IR-Abteilungen? Jeder
sollte sich mit den Möglichkeiten des Social Web vertraut machen. Social Media
bietet mehr Chancen als Risiken – mit professionellen
Social-Media-Dienstleistern an der Seite gelingt der Sprung in diese neue
Kommunikationswelt.
Von Lars Müller, Produktmanager, euro adhoc
Ursprünglich erschienen in der GoingPublic Ausgabe 6/2010.